Schnellnavigation:Sammelstelle/ Plattenkiste
Bookmark

Bright Eyes - I'm Wide Awake, It's Morning

von Manuel Niedermann

I’m Wide Awake, It’s Morning erschien 2005 in den Läden, aber in meiner Plattenkiste hat es erst Jahre später einen Platz gefunden. Heute ist es dort niemals mehr wegzudenken und das, obwohl es viel Zeit in Anspruch nahm, dieses Album zu verstehen und letztendlich auch zu lieben. Connor Oberst musikalische Einzigartigkeit, die er in vorhergehenden Werken in etwas übertriebener Form darstellt und die in meinen Augen daher nicht – oder nur mit einzelnen Stücken – an I’m Wide Awake, It’s Morning heran kommen, findet hier seinen Höhepunkt. Es ist eine Wanderung auf einem hauchdünnen Grat zwischen Seltsamkeit und Melodikarmut, zwischen Drama und Unstetigkeit. Ähnlich wie die Bücher von William S. Burroughs als nicht übersetzbar gelten, ist dieser Stoff nicht interpretierbar, zumindest nicht in allgemeingültiger Form. Allerdings heißt das nicht, dass es keine Geschichte, keinen roten Faden in diesem Album gibt, im Gegenteil. Nur ihre Bedeutung, ihre Wirkung, die muss sich jeder selbst suchen. Sicher ist die Platte kein Geheimtipp, aber ähnlich sicher bin ich mir auch, dass es viele Hype-Käufer gibt, die dann zwar sagen konnten, klar, Bright Eyes ist großartig, es aber nie verstanden haben.

Viele der Nummern sind exzentrisch, zerissen, oft verzweifelt und zerstörerisch. Nicht so der große Hit des Albums, First Day Of My Life, den zwar viele kennen, der aber auch das Stück ist, das am wenigstens zu den anderen passt: schön und simpel, trotzdem gefühlvoll und jeder Dritte sagt, er würde sich in eine frühere Lebenssituation zurückversetzt fühlen. Wer wegen dieses Liedes die Platte gekauft hat, wird jedoch enttäuscht sein, denn der Rest hat damit wenig gemein. Nichtsdestotrotz wird es ein Klassiker, davon darf man getrost ausgehen. Sollte jemals eine Hitparade erfunden werden für die zehn beliebtesten Tracks auf dem Mix-Tape für die Freundin, kenne ich heute schon den ersten Platz.

Gut, dass Connor Oberst den Einstieg anders gewählt hat. Er entscheidet sich für At The Bottom Of Everything und nach anderthalb Minuten Erzählstimme, die sicher nicht fehlen dürfen, steigert sich das in ein Furiosum, das den Hörer unverhofft hineinversetzt in dieses Flugzeug, dass da gerade am Abstürzen ist. Soll es doch krachen da draußen, scheppern und knallen, und wenn alles den Bach runter geht – it was a wonderful splash!

We Are Nowhere And It’s Now qualifiziert sich durch Emmylou Harris wunderbare Zweitstimme. Es wirkt wie ein intimes Gespräch eines Liebespärchens, das perfekter nicht hätte gelingen können, obwohl und gerade weil es nicht studiotechnisch geglättet wurde. Außerordentliche Gesangskünste oder besonders harmonierende Tonfolgen sind der Platte kaum zu bescheinigen und das sorgt ein wenig für das Gefühl von Nähe, als könnte man dabei sein, mitmachen und teilhaben.

Das Ganze endet mit Road To Joy, dessen Melodie einfach zu beschreiben ist, da sie unüberhörbar von Freude schöner Götterfunken stammt. Nicht einfach nur bemerkenswert, was Connor Oberst daraus zu machen in der Lage ist, sondern tatsächlich verrückt.

Und wenn man dann mal genug von allem hat, sich allein auf den Weg oder gleich auf eine richtige Reise begeben will, dann möge man diese doch starten mit Land Locked Blues. Und dabei Melancholie erfahren, die kaum heftiger wirken kann.

Lieder

  1. At The Bottom Of Everything
  2. We Are Nowhere And It's Now
  3. Old Soul Song
  4. Lua
  5. Train Under Water
  6. First Day Of My Life
  7. Another Traveling Song
  8. Land Locked Blues
  9. Poison Oak
  10. Road To Joy