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dronne

Year Of No Light

von Joscha Kollascheck

The absence of light is its own stubborn light - Year Of No Light: "Ausserwelt"

Die Spielart der instrumentalen Rockmusik, der sich Year Of No Light verschrieben haben, wird vom Volksmund üblicherweise als Sludge oder auch aufgrund ihrer Brachialität als Post-Metal benannt. Angelehnt an ihre kleine Schwester Post-Rock. Charakteristisch für dieses Genre sind im allgemeinen Songstrukturen abseits der üblichen Schemata - den Stücken wird viel Zeit gegeben, sich zu entwickeln, Melodiefragmente häufig mehrerer Gitarren werden übereinander geschichtet, eine  anschwellende, hypnotische Sogwirkung erzeugend und in der Regel unaufhaltsam auf eine Peripetie zulaufend, deren zermürbende Intensität beim Hörer im Idealfall ein Art kathartische Wirkung hinterlässt. So die (etwas vereinfachte) Theorie.

Als YONL 2006 aus dem schönen Bordeaux mit ihrem Debütalbum "Nord" an die Hintertür klopften, blieben sie trotz begeisterter Kritiken im Dickicht des gerade grassierenden Post-Metal Hypes weitestgehend ungehört. "Nord" tat alles andere, als den ausgetretenen Pfaden von Blaupausen großer Bands wie Isis oder Cult of Luna zu folgen, setzte deren zunehmender Sterilität einen sehr erdigen und rauen Sound entgegen und vermochte durch das unbändige Zusammenspiel von großen Melodien und Dynamik sowie akzentuiert eingesetzten, markerschütternden Screams unheimlich mitzureißen. Dennoch gingen sie im Dunstkreis dieser "Global Players" und den Heerscharen ihrer Nachahmer ein wenig unter. Vier Jahre später möchten sie nun mit ihrem neuen Album "Ausserwelt" erneut auf sich aufmerksam machen. Und dieses gelingt ihnen auch - auf beeindruckende Weise.

Streng genommen handelt es sich bei dem auf "Ausserwelt" vertretenen Personal um eine neue Band. Vocalist Julien ist abgetreten, sein Abgang wurde allerdings lässigerweise dadurch kompensiert, dass YONL mal eben auf drei Gitarristen und zwei Schlagzeuger(!) aufrüsteten, um sich in einem alten Theater einzuschließen und ihr neues Werk aufzunehmen.
"Ausserwelt" besteht aus vier rein instrumentalen Songs, wobei das zweiteilige, insgesamt knapp 21-minütige "Perséphone" das Kernstück dargestellt, gewissermaßen als Herz des Albums heraus sticht. Die ersten zwei Minuten lang ist nichts weiter als ein anschwellender Drone zu hören, es scheint beinahe, als lausche man einem nahenden Tsunami. Daran schließt sich unvermittelt in der Funktion einer Ouvertüre ein unfassbar majestätischer Melodiebogen an. Es sind einfach diese Momente, an denen sich eine Band messen lassen muss, die sich auf diesem Terrain bewegt. Handwerkliches Geschick allein reicht nicht aus, es ist das Gespür für große Melodien. Year Of No Light sind in beiden Belangen dem Großteil der Szene weit voraus und scheren sich daher zunächst erst mal nicht um Zweitrangiges wie etwa konventionellen Spannungsaufbau, sondern bäumen "Ausserwelt" sofort zu vollster Größe auf, dringen in jede Zelle und ziehen einen in den Abgrund.
Das Anfangsmotiv von "Perséphone" wird über den Rest des Songs von den drei Gitarristen fortgeführt, fortgepflanzt und verzerrt, von den beiden Drummern begleitet, getrieben und vermöbelt. Dieses Prinzip findet ebenso in den beiden weiteren Songs Verwendung. Das soll aber nicht bedeuten, dass es auf Albumlänge eintönig oder gar langweilig würde. Wenn man sich auf die "Ausserwelt" einlässt, ist man zu sehr in ihr gefangen. Einzig die an Stars Of The Lid erinnernden Ambientpassagen, in denen die Stücke regelmäßig ausklingen, wirken etwas in die Länge gezogen. Der Fluss des Albums und seine Homogenität wird davon aber keineswegs gestört, vielmehr sind einem diese Momente der scheinbaren Ruhe beinahe willkommen. So zum Beispiel, nachdem man von "Hiérophante" wieder ausgespuckt wurde. Die zweite Hälfte der Platte ist nach dem getragenen, elegischen "Perséphone" etwas heftiger ausgefallen. Brachiale Riffs und Blastbeats münden auf "Hiérophante" in einer rasenden Klimax. Ebenso gerät "Abbesse" förmlich zur Achterbahnfahrt. Kurioserweise stößt man hier kurz vor dem Finale auf den Einsatz von fast euphorischen Hörnern. So erscheint das Album als nicht ganz so abgründig und düster, wie es das Cover nahelegt, das ganz offensichtlich von Böcklins Toteninsel inspiriert ist. Dem Gemälde, das Hitler sich in die Reichskanzlei hing.
Natürlich ist "Ausserwelt" aber ein Stimmungsalbum, wenn man nicht gerade ein Post-Metal Junkie ist. Diese werden sowieso auf ihre Kosten kommen. Fühlt man sich aber gewillt, die "Ausserwelt" zu betreten, so zieht einen ihre Atmosphäre in den Bann und lässt so schnell nicht mehr los. Ein Erlebnis.