von Lukas Steimle
Das Licht erlischt. Zunächst auf der Bühne, kurz darauf im Saal. Das Murmeln wird weniger und weniger - gespannte Stille. Immer lauter und brutaler werdend vernimmt man das Schreien eines Schweins durch die Lautsprecher. Kurz darauf setzt ein kraftvoller, dröhnender Beat ein und lässt das zunächst so bedrohliche Kreischen des Schweins zu einem elektronischen Effekt verkommen. Sechs Gestalten tasten sich langsam mit kleinen Taschenlampen über die dunkle Bühne und knipsen gemächlich ihre Notenlampen an. Das begleitende Ensemble also - bestehend aus Kontrabass, Cello, Viola, Violine, Flügelhorn, sowie einer Begleitstimme für Anja Plaschg, welche selbst kurz darauf ebenfalls die Bühne betritt und am Klavier Platz nimmt, vor sich einen Laptop - es kann losgehen.
Um das Wesentliche vorwegzunehmen: Ja, ihr gelingt es die melancholisch-zerbrechliche Stimmung der auf CD gepressten Stücke live noch intensiver wirken zu lassen. Dies liegt zum einen an einem Ensemble, welches stets für die passende Atmosphäre sorgt und natürlich an der Stimme von Anja Plaschg, die innerhalb von Sekundenbruchteilen in Lautstärke und Gefühlslage variiert - wunderbar zu hören in "Thanatos". Ebenso gelingt ihr, dank wuchtigen, düsteren, live wesentlich präsenteren elektronischen Effekten und Beats, die Kombination aus klassischer und moderner Musik und braucht dabei den Vergleich mit Genre-Größen wie Ólafur Arnalds keineswegs zu scheuen.
Nach etwa einer halben Stunde erlischt das Licht erneut, um kurz darauf die Apokalypse ausbrechen zu lassen. Ein grollender, vorantreibender Elektro-Beat gefolgt von einem intensiven Tremolo, der in ein dunkles rotes Licht getauchten Streicher. Das Klavier stößt mit starken, kurzen, immer schneller werdenden Klängen hinzu. Anja Plaschg spielt sich in Extase. Das Klavier scheint im roten Scheinwerferlicht zu dampfen. Sie sackt vom Hocker. Stille. Der anschließende Beifall hält jedoch nur kurz, denn ein unglaublich grelles Licht wird Richtung Publikum geschossen und nicht wenige werfen zunächst schützend die Hände vors Gesicht. Die ersten Töne von "Spiracle" sind zu hören.
Wer nun dachte das wäre der Höhepunkt gewesen, wurde mit dem letzten Stück eines Besseren belehrt. Ähnlich intensiv und packend wie zuvor, nur ohne Klavier steht Anja Plaschg nun mit ihren Armen rudernd vor dem Publikum und singt und schreit sich mit einem energischen Ensemble zu bedrohlichen Voice Samples und elektronischen Elementen die Seele aus dem Leib. Wow.
Auszusetzen gab es an diesem Abend, abgesehen von zwei ohnehin so zu erwartenden Dingen, wenig. Zum einen, dass sie eine eher wortkarge, eigenwillige Persönlichkeit ist - vor der einzigen Zugabe, einem Acapella vorgetragenem, scheinbar alten, österreichischem Volks- oder Kriegslied, huschte ihr dann aber doch ein leises "Danke" über die Lippen - und zum anderen suchte man einen Hoffnungsschimmer vergebens, das gesamte Konzert war in ein halbleeres Glas Melancholie und Weltschmerz getaucht. Wirklich tragisch war das angesichts der musikalischen Darbietung jedoch nicht. Wer also ein Fan ihrer Musik ist wurde an diesem Abend alles andere als enttäuscht.