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Balingen:Jan Delay und die Kinder vom Bahnhof Soul

Von Dominique Steidel

Es ist Herbst, die Blätter fallen, das Leben scheint einen Gang zurückzuschalten, bis jetzt!

Dienstagabend in Balingen, ganz klar die richtige Zeit für die Sause des Jahres?! Keine Frage, die Tour von Jan Delay & Disko No. 1 rund um das neue Album "Wir Kinder vom Bahnhof Soul" macht halt in der Schwabenmetropole. Die funk(l)igen Nordlichter haben den Weg ins süddeutsche Balingen gefunden und haben einiges im Gepäck.

Der Abend beginnt zunächst recht gemächlich mit DJ Mad, welcher der Volksbankmesse bereits leichte Melodien einhaucht und die ersten Fans in die richtige musikalische Stimmung bringt. Das Publikum ist bunt gemischt und geht beinahe vom hüpfenden Grundschüler bis zur wippenden Rentnerin, die an diesem Abend  erwartete Musik lässt einfach keinen kalt.

Als Aufheizer hat sich Jan Delay "Das Bo" eingeladen, welcher auch mit mächtig Energie auf die Bühne springt und seinen Hamburger Rap zum Besten gibt.

Ziemlich medienkritisch gibt er zu verstehen, was er zu bieten hat: "Ich hab Rap für dich" und "Ich mach mein Ding". Hin und wieder leicht frei vom Rhythmus aber mit viel Luft für die flotten Reime liefert er sich ein musikalisches Duell mit DJ Mad beim aufgepeppten Schlager "Ohne Dich", der Münchner Freiheit. Recht schnell hat er das Publikum für sich gewonnen und in typischer Hip Hop-Manier beben die flachen Hände auf und ab.  Spätestens beim Call & Response "Balingen, Balingen", "Balingen, Balingen" mit der Crowd hat er jeden Schwaben für sich gewonnen.

"Ich will heute Spaß", "Jan Delay" und "Disko No. 1"-Rufe heizen das Publikum immer weiter auf und "Das Bo" grenzt seine Interessen ab: "Ich will Feiern, Party, Tanzen, Singen", zudem haben es ihm die "Ladies" angetan, wer will ihm das verkennen? Nach seinem letzten Song "Türlich, Türlich", dem er eine Kurzversion verpasst hat, geht er von der Bühne und startet das kleine Duell der freundschaftlichen Neckeleien mit Jan Delay indem er lächelnd "und nun viel Spaß mit Peter Fox" wünscht.

Hinter der Bühne blitzen schon mal die blanken Füße der Backgroundsängerinnen und das flippige Outfit des Künstlers selbst auf: Jan Delay wird heute einen schicken blauen Anzug, ein himbeerrotes Hemd mit weißer Krawatte und dazu einen weißen Hut zur Schau tragen. Stilsicher und abgerundet wie immer. Es ist Zeit zwischen Soul, Disco, Rap, Reggae, Funk und ein wenig Northern Soul alles in der Volksbankmesse in Schwingung zu versetzen. Nach dem typischen Einzug auf die Bühne beginnen Disko No. 1 funky und Jan Delay verspricht rappend für den Abend "tierisch was auf die Fresse, in der Balinger Volksbankmesse".

Schon bald führt der Künstler das Publikum in die ersten Dancemoves ein: der "Arschdreher" wird auf der Bühne und auch im gesamten Publikum begeistert umgesetzt. Gleich danach springt "Das Bo" auf die Bühne und fordert "Bass, Bass, wir brauchen Bass", türlich, türlich hat er den bekommen.

Sowohl Drummer als auch Bassist befriedigen diesen Wunsch in ganzer Linie. Bei so viel Energie auf der Bühne macht sich Delay nach dem kurzen etwas freier und beginnt den abendlichen Kampf mit seinen Kabeln am Rücken, die ihn im weiteren Verlauf immer wieder verrutschen sollten. Er nimmt's, wie sollte es auch anders sein, mit viel Humor. Die Technik sei "fürs Playback" wichtig, hier wäre ja "nichts live. Kleiner Scherz, nur die Band ist nicht live." Man merkt die Chemie stimmt bei den Artisten auf der Bühne. Zudem verspricht Delay später ein Leopardenkostüm von "Das Bo" zu tragen. Solche Versprechungen hört das Publikum natürlich gerne und bleibt gespannt.

Es folgen weitere soulige Klänge und auch die nächsten Dancemoves. Steps nach rechts und links machen die Zuhörer bald zu Profitänzern und der flächige Effekt sieht gigantisch aus. Zwischen den verschiedenen Stücken wechselt die Farbpalette quer durch, von kunterbunt und grell bis zu schummrig und stimmungsvoll. "Der Preis ist heiß im Showgeschäft", macht Delay klar und posiert am Liedende hingegen gewohnt gelassen mit dem Rücken zum Publikum und hochgerissenen Armen. Erneut springt "Das Bo" wieder mit auf die Bühne zu den mit kleinen Diskokugeln behangenen Backroundsängerinnen, aber er trägt enttäuschenderweise nicht den versprochenen Leopardenanzug.

Während "The Eye Of The Tiger" wird die Band vorgestellt. Und nach einigen Witzen über den Tourbus von "Das Bo", an dem später ordentlich gewackelt werden solle, werden Songs gespielt, die nicht auf der neuen Platte zu finden sind. Jan Delay verspricht "geile Beats von André Rieu" und lässt "Backstreets Back" mit den Worten "Disko's Back Alright" folgen.  Weiter geht es mit seiner Version des Usher Songs "Yeah", eindeutig besser als das Original! Ein weiteres Hoch auf die Boybands verlautet mit "This Is How We Do It". Man kann mal wieder die verschiedensten Einflüsse hautnah miterleben.

Warum Jan Delay André Rieu erwähnt?! Dieser hat, weil er "richtig large" ist, einen Orden verliehen bekommen und Jan Delay will nun auch einen! Um diesen abzusahnen muss das Publikum helfen und wird von Delay "in die Welt der Geräusche" entführt. Diese soll "die Welt verändern" und "Frieden und Freiheit" bringen. "Es ist wie eine Fastenkur, der grüne Schleim läuft euch aus der Nase" verspricht er weiter. Zwischen gehauchten Lauten und schrillen Schreien wird der nächste Song aufgebaut. Auf die Frage "Seit ihr da?" antwortet die Crowd mit dem erlernten "Ihjajajaja!"

Im Laufe des Abends bekommt Delay die Meldung, dass es genügend Geld für eine Reise Jahre zurück gibt und so werden einige alten Songs ausgepackt. Zwischen einigen Percussionsolos von Delay frägt er das Publikum "wer kennt diese Bassline", aus einem 8 Jahre alten Lied. Es sind natürlich viele die "Vergiftet" kennen und nun im schummrigen Grün genießen können. Bevor Jan Delay zum ersten Mal den "letzten Song" ankündigt, pfeift er die zu laute Snare des Drummers humorvoll zurück.

Den ganzen Abend über sind wunderschöne Bläserlinien zu hören, die sich bis hin zum phänomenalen Saxophonsolo steigern. Ein sehr klarer und präziser Klang und der gezielte Einsatz verschiedener Effekte zeichnen die Band wie gewohnt aus. Es sind einerseits harmonische Gesamtakteure, die sich zum anderen - und zwar jeder einzelne - als fulminante Solokünstler auszeichnen.

Jan Delay

Jan Delay ist ein Hamburger Jung der sich als 1976'er als deutscher Hip-Hop-, Reggae-, Soul- und Funkmusiker durchs Leben kämpft.

Jan Delay ist ein Drittel der Beginner  und bildet mit Tropf die Formation La Boom. Ein weiterer Name des Hamburgers, den er u. a. auf diversen Untergrund-Veröffentlichungen benutzte, ist Boba Ffett. Als Eizi Eiz oder Eißfeldt tritt er als Teil der Beginner auf, während er das Pseudonym Jan Delay hauptsächlich als Solo-Künstler und in den Genres Reggae und Funk verwendet. Jan Delay (wörtl. Jan Verzögerung) ist einerseits ein Wortspiel mit dem Namen eines in den 1990ern kurzzeitig erfolgreichen Musikacts, Young Deenay, und auf der anderen Seite ein Spiel mit dem Namen eines tragenden Effekts in der Reggae/Dancehallmusik, nämlich dem Delay.

Quelle: wikipedia.de

Vor dem nächsten Stück möchte Delay wissen, wie sich sein Publikum vom Feeling her zusammensetzt:"Seit ihr eher Kinder vom Bahnhof Soul oder gehört ihr zur Mercedes-Dance-Fraktion?" Die Zuhörer zeigen sich zwar geteilt doch im feiern vereint und so wird zu wilden Beats heftig getanzt.

Wie über den ganzen Abend kommen Delay immer wieder neue Ideen und so wird "U Can't Touch This"  im Stopptanzen aufgeführt. Dabei wird an bestimmten Stellen im Lied abgebrochen - "gefreezed" - um dann langsam zur Topgeschwindigkeit wieder hochzufahren. Ein gigantischer Effekt, richtig klasse. Es geht weiter mit viel "Feuer, Feuer", starken Bläsern und harten Beats, spätestens jetzt bebt die Halle vollständig. Das wird auch gleich genutzt um den aktuellen Knaller "Oh Johnny" mit "Hubschraubern" zu zelebrieren. Dabei werden nicht benötigte Kleidungsstücke wie wild über den Köpfen gedreht und das in der ganzen Halle, der Wahnsinn!

Nachdem die Band die Bühne verlassen hat, ist das Licht gedämpft aber das Publikum lässt nicht locker, schreit, grölt, pfeift und will mehr! Die Band kehrt zurück und vollendet "Hey Johnny" mit dem ruhigen Endteil des Stücks. Es wird nochmal gerappt und zwar quer durch die Band. "Gute Laune besorgt uns die Posaune" und "heute Abend auf alles sch..., den Low Jones haut auf die Tasten, die schwarzen und die weißen.", sind nur einige Beispiele.

Nach zwei Stunden dröhnendem Discoabend mit dem Stück "Klar" und nach der letzten Rückkehr auf die Bühne unter kreischendem Fangegröle dem Nenacover "Irgendwo, irgendwie, irgendwann" endet die phänomenale Show. Wie versprochen ein "Tanz- und Flashfeuerwerk oberster Kajüte".