Wegen des langen Soundchecks hat sich vor dem Eingang schon eine kleine, Glühwein schlürfende Publikumstraube gebildet. Ja, der Winter ist ausgebrochen und da kann man Wärme natürlich gut gebrauchen. Die gab’s nicht nur vor dem Konzert in flüssiger Form, sondern auch durch körperliche Nähe in den Wagenhallen selbst. Denn Yann Tiersen wurde eifrig in Stuttgart erwartet und so war das Konzert schon frühzeitig restlos ausverkauft.
Überpünktlich fangen Lonski And Classen an. Die beiden Berliner tun sich schwer mit ihrer experimentellen Pop und Rock Mischung. Jedenfalls bei mir. Der Gesang und die Songstrukturen sind nur selten richtig greifbar, es plätschert vor sich hin. Erst mit ihrem letzten Stück können sie meine volle Aufmerksamkeit gewinnen, die Laut-Leise-Wechsel wirken jetzt wesentlich stimmiger und so wird eine schöne Atmosphäre aufgebaut. Nächstes Mal doch bitte mehr davon.
Wenn man während der Umbauphase den Blick durchs Publikum schweifen lässt, kann man Pärchen, Gruppen und Einzelgänger beinahe jeder Altersklasse entdecken. Sogar Familien mit Kindern. Ob die wohl alle wissen, worauf sie sich einlassen? Denn das neue Album Dust Lane ist nicht umsonst Namensgeber der Tour. Das zeigt auch ein Blick auf die Bühne: Diverse Gitarren, Synthesizer, ein Keyboard und Schlagzeug stehen da. Glücklicherweise zwar auch eine Geige, ein Saxophon, eine Klarinette und zwei Melodicas - von Piano oder Akkordeon fehlt allerdings jede Spur, schade. Aber nun mal nicht gleich übereifrig urteilen.
Zu fünft kommen sie auf die Bühne, Yann Tiersen natürlich im Zentrum positioniert. Die Gitarren werden gezückt und es geht direkt laut los mit einem fließenden Übergang zum titelgebenden Dust Lane, einem der wohl schönsten Stücke des Abends.
Langsam baut sich der düstere Song unter klirren, quietschen und oszillieren der Synthies, Voice Sample und gezupfter Ukulele auf. Melodicas kommen hinzu, anschließend auch Schlagzeug und Gitarren, das Tempo wird schneller, die Melodie fröhlicher und am Ende singen alle fünf Männer auf der Bühne gemeinsam in ihre Mikrofone. Auch das unbekümmerte, hoffnungsvolle Fuck Me oder das sich in Extase trommelnde Palestine mit wild geigendem Tiersen haben tolle Momente.
Mitten im Set steht er dann alleine mit seiner Geige auf der Bühne. Wie das vorgetragene Stück heißt, kann ich nicht sagen. Ist aber auch egal, Zeit zum Nachdenken hat man nun sowieso keine. Man starrt mit offenem Mund zu dem Mann auf der Bühne, der seine Geige mit einem Bogen bearbeitet, welchem, wenn das so weitergeht, bald keine Pferdehaare mehr bleiben. Genial.
Je länger das Konzert jedoch geht, umso mehr wünsche ich mir mehr solch abwechslungsreicher Momente. Klar, dass das neue Album vorgestellt und durchgespielt wird, allerdings hat man an einen Künstler wie Yann Tiersen doch eine etwas höhere Erwartungshaltung und sich insgeheim die ein oder andere Überraschung erhofft. Zudem ist die, musikalisch zwar hochwertig vorgetragene Kost von Dust Lane doch sehr Rock-lastig, erfindet die Sparte nicht gerade neu und es gehen Klangexperimente und andere Instrumente oftmals in einem Gitarren-, Geigen- und Schlagzeuginferno unter. Auch die choralen Momente von Ashes oder Till The End erreichen nicht die Intensität der Studioaufnahmen.
Eine Zugabe gibt es trotz lange anhaltenden Applauses nicht und so verlässt man die Wagenhallen mit dem Gefühl ein äußerst souverän vorgetragenes, anspruchsvolles Rockkonzert erlebt zu haben, nur irgendwie auch nicht sehr viel mehr – wo war die Magie, Herr Tiersen?