Nicht etwa die Annunciation der Artists, sondern das Wetter war wohl das dominierende Thema in sämtlichen Forenbeiträgen und Vordiskussionen über das am 23. Juli statt gefundene TURN UP THE SUMMER! Festival im Club Rocker 33. Doch die Veranstaltung schien unter einem guten Zeichen zu stehen, nämlich dem 119. Geburtstages des Protagonisten der Rastafari Kultur Haile Selassie. Und so konnte Stuttgart den Sommer, im wahrsten Sinne des Wortes, aufdrehen bis auch die letzte Wolke über dem Gemüt der Stuttgarter verjagt war – Jah Bless!
Für einen gelungen Einstieg ins Festival sind Schwarz und Stolle von Black and Proud verantwortlich. Einige Jahre Jam-Erfahrung tragen die beiden ehemaligen Lokalmatadoren der Kirchheimer Linde und des Esslinger Kommas mit sich. Als Aushängeschild der Popbiz Enemy waren sie schon Headliner diverser Jams und support act von Rapgrößen wie den Beatnuts. Mit ihrem von KOVA produzierten Track Den Namen nicht mal sagen, welchen sie auf Publikumswunsch sogar zwei mal spielten, sind sie nun endgültig beim Stuttgarter Publikum angekommen. Track wie Video sind eine Hommage an unser schee's Städle. Aber auch die weiteren Titel des aktuellen Albums/EP/Mixtape/whatever Rennen Rap und es läuft korrekt konnten durch Wortwitz und technische Eleganz überzeugen.
Ein wenig froh darüber, dass Stolle von einem Stagedive abgesehen hatte, galt es dann das Veranstaltungsgelände, welches der Hof des H7 darstellte, zu erkunden.
Neben dem üblichen Getränkeangebot, den Merchständen mit T-Shirts, CDs etc. gab es von Rastafarben dominierte Schmuckstände und einen Stand, an dem man jamaikanische Kost in kleinen Bambusschiffchen serviert bekam. So sehr mich der Vibe catchte, war meine Motivation mir beim zuletzt entdeckten Stand Dreadlocks zu machen doch eher gering, aber man konnte die Umbauphasen auch herrlich in Begleitung eines Cocktails auf einem der zahlreichen im Sand stehenden Liegestühle verbringen – Tun Up Di Summer!
Die wirklich letzte Wolke am Himmel der entstandenen Reggaewelt zog sich bei den ersten Takten der HOUSE OF RIDDIM Band zurück. In klassischer Besetzung mit Drummer, Keyboarder, Gitarrist und Bassist sorgten sie mit spielerischem Feingefühl, Sinn fürs Detail und viel Druck dafür, dass der jamaikanische Conscious-Reggae Künstler Lutan Fyah bestens gebacked war. Das Vorurteil Conscious sei nicht feierbar, widerlegte er zu genüge und so gingen bei Songs wie Iniquity Worker Congregation, welcher von der Band dreimal gepulled wurde, alle Handtücher in die Luft. PULL IT, PULL IT, PULL IT.
Nahtlos ging es mit Perfect weiter. Mit zugegeben etwas gewöhnungsbedürftigem Outfit, aber einer grandiosen Mischung aus Modern Roots und Dancehall. Er feuerte einige Hits, bei denen oftmals das Publikum mehr Stimmanteil hatte als er selbst, nacheinander ab und hinterließ gewissermaßen eine Leere als er die Bühne verließ. Für ein anschließendes Bad in der Menge war sich der Gute aber nicht zu schade, was auch ein wenig den Charakter der Veranstaltung widerspiegelte: Keine Allüren, kein Gepose, gute Vibes und Entspanntheit.
Um Ehrlich zu sein habe ich nur am enormen weiblichen Andrang vor der Bühne gemerkt, dass jetzt Nosliw an der Reihe war. Ich verfolgte seine Show mit zurückhaltendem Interesse und musste feststellen, dass er das was er tut wirklich beherrscht. Einen Zugang zu ihm habe ich allerdings auch an diesem Tag nicht bekommen. Als Selecta stand ihm der Sentinel Elmar beiseite.
Mit nicht weniger weiblichem Interesse aber mit eindeutig mehr Soul in der Stimme kam dann die aus Kingston stammende Künstlerin Etana auf die Bühne. Gebacked von der House of Riddim Band lieferte sie eine sehr vom Soul beeinflusste Show ab. Ihre poetischen Texte handeln von persönlichen wie gesellschaftlichen Missständen, von schwerer Zeit und davon die Kraft und den Mut nicht zu verlieren. Das ganze wurde durch ihre gänsehautprovozierende Stimme unterlegt. Bei ihren hymnenartigen Songs wie I am not afraid ließ sich dann klar erkennen, welche Bedeutung ihre Musik für ihre Fans hat und woher die tiefe Verbundenheit stammt.
Bedeutung und tiefe Verbundenheit einer anderen Art zeigte sich auch beim letzten Act. Dj Dynamite switchte kurzerhand den Schalter auf Hip Hop und Afrob gab zwei Klassiker aus seinem Debütalbum Rolle mit Hip Hop zum Besten. Der etwas ältere Teil der Crowd, einschließlich mir selbst, fühlte sich wieder wie 16-jährige als man im Juha Mitte die selben Tracks hörte und das auf einmal stark jünger gewordene Publikum vor der Bühne fühlte sich vermutlich wie wir damals. Nach den zwei Tracks kam dann der Special Gast Samy Deluxe auf die Bühne, was für wenig Überraschung aber umso mehr Begeisterung sorgte. Auf Grund von Mikrofonproblemen war dann für Afrob erstmal Funkstille und auch generell nahm Samy den Hauptpart der Show ein, in der er u.a. sein neues Poesie-Album vorstellte.
Damit endete auch der Outdoorpart des Festivals und die Veranstaltung transferierte sich in die Räumlichkeiten des Rocker 33 zum Clubevent in aller feinster Kingston Hot Manier.
Romain Virgo, Sentinel, Pow Pow, und Sir Jay sorgten dafür, dass der Sommer noch bis in die Morgenstunden aufgedreht wurde.
Abschließend kann man sagen, dass den Machern ein intimes Festival gelungen ist und wir uns freuen würden, wenn hier nur der Grundstein zu einem Reggae und Dancehall Open Air Mosaik gelegt wurde. BIG UP Bigg G! BIG UP Sentinel!