Schnellnavigation: Bühnenrand
Bookmark

Crackhuren (1)

Crackhuren (10)

Crackhuren (11)

Crackhuren (2)

Crackhuren (3)

Crackhuren (4)

Crackhuren (5)

Crackhuren (6)

Crackhuren (7)

Crackhuren (8)

Crackhuren (9)

The Toten Crackhuren Im Kofferraum Im Keller Klub

von Markus Kollmann

Das war eine schöne Party. Bunt, frech und mit Pep vorgetragen. Alle hatten Spaß und sind zufrieden heim gegangen.

Lange hat es nicht gehalten. Ja nicht einmal die Hälfte des Konzertes konnte es überdauern. Vom Drummer malträtiert, der den Niedergang einläutete, sank es achtlos auf die Bühne zu den anderen dahin geschmissenen Utensilien, die darauf warteten ihre 15 Minuten Berühmtheit zu bekommen. Die Rede ist von dem Banner der Crackhuren. Können für manche Bands solche nicht groß genug sein (Bestätigungen werden wir in der kommenden Festivalsaison spätestens bei Rock im Park finden), machen die Crackhuren das Ding einfach selber, kleben es schlecht an den Vorhang des Keller Klubs und überlassen es dem Schicksal, welches anders nicht eintreffen konnte. Diese kleine Tatsache sagt weit mehr über die verrückten Berlinerinnen aus als ihnen lieb ist.

Leer war es leider im Keller Klub am Montag dem 17ten Januar. Selber sagen sie über ihre Musik, dass sie wohl nur Berlin sehr gut ankommen würde, weil die Leute dort einfach besser die Ironie und die Verrücktheit verstehen würden. Recht sollten sie behalten. Stuttgart war noch nicht bereit dafür. Um es anschaulich zu gestalten will ich es so ausdrücken; ich stand gleichzeitig in der dritt vordersten und der dritt letzen Reihe. Wenn man überhaupt von Stehen reden kann. Dazu ließen sie einen nicht kommen. Schon im zweiten Lied ihres Sets wird mit einer solchen Überzeugung das Abgehen zelebriert, dass die die den Weg tatsächlich in den Keller geschafft haben zum ersten Mal sich in einem Pogokessel vereinen und als Einheit die Discokugeln über sich erschüttern lassen. Das dabei 3 Jungs nahezu gleichzeitig nach vorne strömen und die Menge versuchen anzuheizen kann man nicht unerwähnt lassen, da es doch den Anschein aufwirft als wären sie nur für diesen Zweck mit den Crackhuren mitgereist. Sei’s drum! Auch wenn diese Vermutung stimmen sollte ist sie doch nur eine Randnotiz, denn die eigentlichen durchgedrehten Rampensäue stehen auf der Bühne und bitten um Nacktheit, süße Boys und den völligen Exzess. Was für viele mit dem absoluten Untergang deutscher Musik einhergeht, sollte allerdings nicht Missverstanden werden und könnte vielmehr die Rettung der solchen bedeuten. Während Deichkind wahrscheinlich auf ihrem nächsten Album nur noch Singles für die Ballermann-Hits 13 rauswerfen werden, sich mehr und mehr Bands dem Electro-Pop in schlechtem als in rechtem Maß nähern und sich zu viele dem Nacheifern großer Idole hingeben, machen The toten Crackhuren im Kofferraum nichts von alledem. Was auch nur annähernd mit Musik zu tun haben könnte gleich sowieso nicht. Dazu haben sie ihre Jungs im Hintergrund dabei. Die Crackhuren können nichts und wollen auch nichts können und machen somit die Türe auf für ein komplett neues Konzerterlebnis. Während bei traditionellen Konzerten die Musiker ein unsichtbares Schutzschild um sich herum bauen (bestes Beispiel sind hier die dennoch großartigen Kings of Leon), brechen die Crackhuren dieses ein und gehen dabei noch einen Schritt weiter. Man gehört sozusagen mit zum Bühnenprogramm und ist im Geiste Verbündete der Band. Das will ich den Familienfeier-Effekt nennen. Den ähnlich wie bei Vorträgen auf einer Familienfeier funktioniert sowieso alles was man vorträgt, weil alle wissen das man sich viel Mühe gegeben hat, nicht alles perfekt laufen muss und sich darum eine Distanz schon gar nicht aufbauen kann. Und so hört man immer mal wieder die Crackhuren miteinander flüstern, welche Choreographie wohl als nächstes dran kommt, wer jetzt Bambi spielt und wer es mit der Spritzpistole abschießen darf, wer die Menge mit Bier bespritzt und wer das Konfetti in die Höhe schmeißt. Darum erlebt man dieses Konzert auf einer anderen, ganz ungezwungenen Ebene und deshalb funktionieren Deichkind in der Schleyerhalle nicht, dafür aber die Crackhuren im Keller umso mehr. Das sollte man nicht nur in Berlin sondern auch in Stuttgart begreifen und darum ist es auch völlig egal, wenn es etwas schief läuft sowie das heruntergerissene Banner im Hintergrund.

Und so segelt es zum Boden zu den anderen selbstgebastelten Materialien, die die Crackhuren mitgebracht haben. Wer bis dahin nicht mitbekommen hat wer hier auf der Bühne steht ist ohnehin falsch. Ob es bei dem nächsten Auftritt wieder zum Einsatz kommen wird, wissen wir nicht. Wahrscheinlich wird daraus etwas gebastelt oder als Kleidungsstück missbraucht um damit das nächste Publikum zu verwirren und zu begeistern. Dabei ist soviel Punk und DIY-Spirit in einem kleinen Finger von Luise Fuckface, der Frontfrau der T.C.H.I.K, als in der ganzen Karriere der Sex Pistols. Und wir können nur hoffen, dass sich der wehrte Herr Kaiser Bonaparte mit den Crackhuren zusammentut und eine Bühnenshow auf die Beine stellt, die dann auch Stuttgart nicht mehr ignorieren kann. Stuttgart kaputthuren.