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The Hundred in the Hands Im Keller Klub

von Markus Kollmann

Schubladendenken bringt uns bei den beiden New-Yorkern, die am 03.03 im Keller Klub ein volles Haus beschallen durften, nicht weit...


Es ist ja immer so eine Sache mit den Schubladen. Frisch eingeräumt und sortiert findet man innerhalb weniger Sekunden alles was sich darin verbirgt. Jedes noch so kleine Detail sticht sofort ins Auge und kann verwendet werden. Ja, fast blind ist das Verständnis der Finger zu der perfekt sortierten Inhaltsmasse. Doch wo manche diese Ordnung aufrecht erhalten können, leiden die Meisten nach dem Streben der Unordnung. So ist die einst schöne Vertrautheit mit den Tagen dahin und man kann nicht mehr differenzieren ob es sich anfangs um eine Schublade für Klamotten oder Bürosachen gehandelt hat. Und unter der sichtbaren Oberfläche lauern Schätze die der Besitzer zwar im Wissen dort deponiert hat, sich aber bei einer Wiederentdeckung freut als ob er den Kauf seines Lebens gemacht hätte.

Die Schublade ist in der Musik die meist gebräuchlichste Metapher. Doch immer sind diese Schubladen aufgeräumt. In dieser versteckt sich der reine Wikinger-Metal, in dieser Schublade haben wir einen perfekt definierten Punk und dort hinten haben wir die schwarze Schublade, die immer ein bisschen Abseits von den anderen steht, den Gothic. Das ist ja alles schön und gut und mit Vorliebe greift der Musikjournalist auf diesen Schrank zurück.

Am Donnerstagabend waren allerdings The Hundred in the Hands zu Gast im Keller Klub. Nun sitz ich hier also und bin einmal wieder versucht zum Apotherkerschrank in meinem Gehirn zu gehen um genüsslich die Band in Schubladen einzusortieren. Zwar war mir schon von Anfang an klar, dass dies eine Menge Auf-und-zu-Zieh-Arbeit machen würde, aber das hat bis jetzt noch immer funktioniert. Eins vorweg: das wird es diesmal nicht. Sind die Einflüsse auf Platte noch zwischen Punk, Electronic, Pop, Synthie und Rock aufzudröseln, so ist der Schrank für das Liveerlebnis schlichtweg zu klein. Also bemühen wir uns, den Spieß einfach umzudrehen und uns vorzustellen The Hundred in the Hands wären einfach eine Schublade. Und zwar keine aufgeräumte, sondern die, die uns am Anfang von dem Text begegnet ist. Ungeduldige Leser sollten nochmals die ersten 15 Zeilen durchschauen.

Zu Beginn scheint sie noch sortiert zu sein. Ohne Vorband betreten Eleanore Everdell und Jason Friedman die Bühne und wollen gleich keine großen Worte finden und lassen die Musik sprechen. Dies wird sich im Verlaufe des Konzertes nicht ändern und dennoch scheint das Publikum einen sofortigen Draht zu diesen beiden und ihrer Musik aufzubauen. Anders ist der Umstand auch nicht zu erklären, dass nach ihrem Auftritt das Tanzparkett erschreckend leer ist und sich nahezu alle Besucher wieder am Merchandisestand treffen. Was bei den meisten Konzerten nur ein kleiner Nebeneffekt ist um den Künstlern noch einmal nah zu sein oder wirklich eine Platte zu kaufen, entwickelt sich im Keller Klub zum Jahrmarkt. Es liegt also an der elektrisierenden Musik die diese beiden in den Keller schallen lassen. Eleanore lässt dabei ihre Finger über die vielen Tasten und Regler gleiten, so schnell das es nicht mal ein Foto einfangen kann. Getrieben von diesen schnellen Beats verwandelt sich besonders Jasons Bass-und Gitarrenspiel live in einen Schubladenzerstörer. Denn immer wenn man dachte man hat das Lied schön einsortiert und weggepackt, untermalt er das Lied mit einer Melodie, die man so nicht erwartet wird. Bestes Beispiel hierfür ist die 10-minütige akustische Irrfahrt, die mehr an eine Progsession bei Omar Rodriguez erinnert, als an eine hippe New-Yorker Band. Aber das macht sie so unangreifbar und das sind genau die Momente weswegen man sich von dem Sofa bequemt und sich die Band live anschaut. Auf dem Sofa lässt es sich ohnehin schlecht zu den harten Rhythmen tanzen. Denn diese werden ohne Unterlass auf die Menge eingeprügelt. Ohne Rücksicht auf Verluste. Ab und an scheint man sich in einer Loveparadeveranstaltung wiedergefunden zu haben. Haben wir also Prog und Techno als weitere Stilrichtungen, die das Ganze nicht einordnen lassen. Und wenn man sich die Lieder weiter genauer anhört ist umso verwunderlicher welche Spielarten noch versteckt sind unter der Oberfläche. Trotzdem wissen die zwei (!) aus Brooklyn nur zu gut, wie man die feierwütige Meute wieder mitreist und packen am Ende des Sets Commotion aus, das auf diesen einen großen Refrain abzielt, der Menschen zum Tanzen, Lachen und Augenschließen gleichzeitig bringt.

Alles wieder gut also? Findet man alle seine wertvollen Sachen wieder in der Schublade? Weit gefehlt. Nur an der Oberfläche, so scheint es, hat man dieses Erlebnis abgespeichert. Doch darunter sind die Melodien die noch eine Woche danach auf einen lauern, sind immer noch die Bilder die sich ins Gedächtnis rufen und die Wahrheit die sich langsam anschleicht, eine weitere Lieblingsband entdeckt zu haben.