Was kann Musik tun wenn sich Menschen die Köpfe einschlagen? Sich zwei Seiten so rivalisierend und kompromisslos gegenüberstehen, dass ein Konflikt unumgänglich scheint?
Die schlechteste Variante ist da wohl, zu den Truppen im Gebiet des Krieges Popsternchen einfliegen zu lassen. Zum Glück kommen auf solch schwachsinnige Ideen nur die US-Amerikaner und schicken gerne mal von Maria Carey bis Jessica Simpson alles was auch nur im geringsten ein Stimmchen hat und dicke Brüste vor sich her schiebt nach Afghanistan oder den Irak. Was das bringen soll? Ich weiß es nicht. Wir können von Glück reden, dass sich Frau Merkel nicht dazu entschließt unsere Vorzeige-Popbands dorthin zu schicken, denn Ich&Ich, Pur oder Xavier Naidoo brauchen die Mannen genauso wenig wie einen Eimer voll mit Scheiße. Letzterer hat mir tatsächlich sogar die WM 2006 versaut und das will man erst einmal schaffen.
Was kann Musik also tun? „We’re be the band that writes the song / that makes Isreal and Palestine get along“ macht Eddie Argos von Art Brut am Anfang des Albums Bang Bang Rock and Roll klar. Geschafft hat er es leider nicht, aber vielleicht schreibt er ihn auch gerade noch. Bob Geldorf versucht mit seinem Live 8 Gelder für Afrika einzubringen. Was für sich gesehen eine gute Sache zu sein scheint, aber das Problem der Armut nicht am Kern anpackt sondern nur vergoldet. Es gibt etliche Beispiele, doch diese hier aufzuzählen ist nicht Sinn des Artikels und schon gar nicht um ein The Go! Team Konzert zu beschreiben. Und doch ist man gewillt zu sagen, dass ein solches Konzert, welches man am 16ten März im Schocken bewundern durfte zu einer Konfliktlösung beitragen könnte, wenn nur beide Parteien im Zuschauerraum zu finden wären.
Es muss noch kein einziger Ton aus den Boxen gekommen sein und man weiß schon, dass es sich nicht um ein gewöhnliches Konzert handeln kann. Denn was im Schocken an Equipment unterzubringen ist, sprengt eigentlich den kleinen Raum. Man sieht über 20 Saiteninstrumente , Verstärker jeglicher Bauart, zwei Schlagzeuge (was leider auch nicht all zu oft vorkommt) und dutzende Blasinstrumente, deren Namen nicht einmal Musikdozenten wissen dürften und natürlich eine Schreibmaschine. Doch die Musik von The Go! Team braucht das; was sie auch live zeigen werden. Es wird kaum einmal ruhig inne gehalten. Wie ein Drill Sergeant wollen die 6 Mitglieder das Publikum nach vorne peitschen, go, go, go. Und dabei wäre es ja wohl ein Leichtes sich selber hinter dem einen Musikinstrument zu verstecken, dann aber die Zuschauer aufzufordern abzugehen. Man muss mit gutem Beispiel voran gehen. Und das tun sie. Man kann hier nicht von dem einen Bassisten oder dem einen Drummer sprechen. Ständig werden Positionen und Instrumente getauscht, manchmal braucht man 2 Gitarren und ein Bass, manchmal nur eine Mandoline und dann wiederum 2 Schlagzeuge und wilde Tanzeinlagen. Allen voran müssen die zwei letzten Punkte besondere Beachtung finden. Denn was die beiden Rhythmussektionen im Hintergrund veranstalten ist schon der eigentliche Eintritt wert. Hier wird das Gerüst des Songs aufgebaut und hier entsteht der Drang zu den Songs zu tanzen. Dabei ist jedes einzelne Schlaginstrument kein besonderes Highlight, doch das Zusammenspiel gibt der Musik diese Verspieltheit und diese Unberechenbarkeit. Die zweite Komponente dafür ist ganz klar die allgegenwärtige Frontfrau Ninja. Man kann hier nicht von Frontsängerin sprechen, da sie viel mehr ist als das. Sowieso singt sie ja auch nicht, sondern rappt und das in einer erfrischenden Art, die man vom sonstigen Hip-Hop nicht gewohnt ist. Außerdem gibt sie sich als Entertainer, Tanzanimateur und Einheizer gleichzeitig. Sie scheint soviel Energie und Ausdauer zu haben, dass man ihr nach diesem Konzert locker noch einen Marathon zutrauen würde. Doch die Band ist so abwechslungsreich, dass nicht einmal die omnipräsente Ninja immer auf der Bühne sein darf. Bei dem ersten Stück der Zugabe verschwindet sie einmal wieder in das Dunkel der Lichter und lässt die Band allein regieren. Paradoxerweise ist hier das Publikum zum ersten Mal am kollektiven Ausrasten, Pogen und Tanzen. Junior Kickstart ist live das was es verspricht: ein wildes, hüpfendes Glückshormon. Ebenfalls auffällig ist, dass die älteren Stücke besseren Anklang finden als die neuen. The Power is on ist ebenfalls so ein Beispiel, bei der die Besetzung einmal mehr durcheinander gewürfelt wurde und das den Schocken zum Schwitzen bringt. Man kann sich ohnehin die Band in der Vorbereitung zur Tour sehr gut im Bus vorstellen, wie sie durch Stäbchen ziehen entscheiden, wer wo bei welchem Lied welches Instrument bedient.
Und trotz dieser scheinbaren Orientierungslosigkeit und wildem Wechsel werden die Zuschauer nicht vergessen, denen sie ein breites Lächeln auf die Lippen zaubern. Denn keine Band kann gute Laune so gut verkörpern wie The Go! Team und diese dann gleichzeitig in den Zuschauerraum schleudern. Deshalb sollte man Streithähne dieser Erde auf ein riesiges The Go! Team Konzert einladen und sie am Ende mit glückdurchströmenden Händen Friedenserklärungen unterschreiben lassen. Nicht Art Brut, nicht Bob Geldorf und schon gar nicht Jessica Simpson wären dazu in der Lage. Wenn dann auch noch die Drummerin/Sängerin/Schreibmaschinespielerin wieder ihr T-Shirt von letztem Abend anzieht, wäre sowieso alles gut. Denn darauf war zu lesen: „Love your enemies“.