Zur Feier der Wiederveröffentlichung von den ersten beiden Alben For Exercise And Amusement und Interference spielten die Ingolstädter Slut noch ein paar ausgewählte Konzerte im laufenden Jahr. Dabei beehrten sie am 11.11. auch den Stuttgarter Schocken.
Und der ist heute Abend ausverkauft. Alle Tickets weg, da darf man sich heute im gemütlichen Schocken eng aufstellen. Slut sind nunmal gern gesehene Gäste auf der Bühne und ziehen noch immer, auch wenn sie nie den kommerziellen Erfolg erreicht haben, den sie verdient hätten. Künstlerisch hochwertig ist das nämlich, qualitativ ganz weit oben. Nicht umsonst wurde die Band im Jahr 2004 mit dem Kunstförderpreis der Stadt Ingolstadt gewürdigt.
Bevor Slut aber heute Erwartungshaltungen erfüllen, rütteln The Strange Death Of Liberal England am Thron des Pathos und der großen Gesten. Die Band von der Insel passt gut in den Abend und rundet perfekt ab. Immer wieder wird hier zum gemeinsamen Gesang angesetzt. Die Stimmen schichten sich aufeinander, gehen miteinander und verlieren sich in zerbrechlichem, verträumten und folklastigen Indie. Sänger Adam Woolway überzeugt dabei mit roter Lockenpracht und einer derartigen Grabesstimme, die man ihm so nicht zugetraut hätte. Dazu gibt es allerlei Instrumente, die einen zarten, aber kräftigen Soundteppich aufbauen - auch die Ziehharmonika fehlt hier nicht. Die Band schwelgt währenddessen in ihrem Sound und verschwindet in einer Seifenblase, was zu einer leicht trägen Performance führt. Nur die Mischung aus Matrose und Bösewicht am Keyboard zappelt wild und rasselt desöfteren fast über sein Instrument.
Beifall gibt es dafür am Ende trotzdem zurecht, diesen gibt es aber auch für Slut, als die wenig später auf die Bühne treten. Und da die auf For Exercise And Interference - Tour sind, dominieren die Songs dieser Alben den Großteil des Abends. Ground beginnt - Interference und I Know folgen. Das sich niemand Sorgen machen muss und die alten Perlen später auftauchen werden, macht Sänger Christian Neuburger schnell klar.
Zuvor gibt es aber erst die rauen Diamante der Anfangsjahre. Besonders diese alten Songs aus längst vergangenen Tagen, nämlich 1996 und 1998, zeugen von einer jugendlichen Ungestümtheit, die desöfteren dazu aufbricht mehr zu wollen. Mehr Dramatik, mehr Energie, mehr geile Gitarren. Wenn Herr Neuburger da zum Schreien ansetzt, seine Texte durch das Mikrofon jagt und sein Gesicht dabei verzerrt als würde es gleich zerspringen, guckt der ein oder andere aber dann doch verwirrt. Möge man gar nicht glauben, kennt man diese an sich ruhigen Burschen aus Ingolstadt doch gar nicht in der Form. Ist aber wirklich so. Denn auch das sind eben Slut - ungezügelt und kraftvoll mit unentspannten Sorgen im Bauch, die nach draußen drängen.
Kilometer werden gestapft, die Gitarrenhälse neigen sich öfters Richtung Boden, der Körper bewegt sich mit. Geht nach links, geht nach rechts und irgendwann beenden Rocket und Cloudy Day den ersten Teil des Konzerts. Das erst mit den Jahren die Ruhe kam zeigt anschließend Zugabe Nummer eins If I Had A Heart. Was zuvor nur ansatzweise schimmerte, lässt sich hier nicht mehr leugnen. Pathos und Melancholie sind nunmal stetige Wegbegleiter der Band. Dieser Behauptung kommen sie folgend aber dann wieder nicht komplett nach. Weiter geht es nämlich mit famosen Gitarrenorgien. Und wer denkt, dass nach dem fantastischen Easy To Love eigentlich nicht mehr viel kommen sollte, da hier zu perfekt ein Ende gesetzt gewesen wäre - der hat zwar recht, es ist aber nicht so. Denn Slut springen nochmal auf die Bühne und mit Next Big Thing gibt es neues um die Ohren. Der eingängige Song reiht sich nahtlos in das Gesamtkunstwerk ein. Ebenso wie Die Moritat von Mackie Messer, der sich schon so integriert hat, das man meinen könnte, Slut hätten das Ganze geschrieben.
Nach einem riesigen und langen Set bleibt am Ende die Erkenntnis, das Slut viel zu viele gute Songs haben, als das alle in den Rahmen eines Konzertes passen. 2011 wollen sie jedenfalls mit neuem Material erneut auf Tour gehen, dann bitte mit mehr Zeugs von Lookbook und All We Need Is Silence, bisschen mehr auch von Still No.1 - und das, wie die Band selbst bemerkt hatte, unterschätzte Nothing Will Go Wrong nicht vergessen. Ach ja, einfach einmal alles rauf und runter. Erst dann wären sicherlich alle vollends zufrieden. Für heute reicht aber auch die dargebotene Auswahl. Der Applaus spricht für sich.