Das allzeit gemütliche Galao lädt ein. Eine Lesung am Donnerstag, wobei es heute nicht beim Lesen bleiben wird.
Eine Gitarre und etwas Gesang kommen auch noch dazu. Seit Anfang März ist Ryo mit diesem Programm unterwegs, im Gepäck Martin Schwenger, der für ihn die Melodien spielt, die meist genauso gut zu Ryos Musik passen wie diese zu Anna Büttners Texten. Und dennoch, hat Ryo einige Seiten aus eben diesen Abfassungen gelesen, bin ich noch völlig damit beschäftigt, vertieft in unglaublich lyrische Begebenheiten, die doch gar keine Geschichten für mich ergeben.
Einmal geht es um ein Paar, oder zumindest um zwei Menschen, bei denen der eine unglaublich verliebt ist, der andere ganz andere Gedanken hegt. Während das lyrische Ich die gemeinsame Zeit mit Schlammmärkten, mit Büroarbeit und Scheidungsverfahren vergleicht, denkt der andere an Nutellahochzeit und ewige Liebe. Denkt der eine über den anderen nach, fallen Vergleiche zu Muffmöbeln und Matschtorten. Du erinnerst mich an kalten Kaffee, ich erinnere Dich an frischen, heißen, duftenden Kaffee. Als Ryo aufhört zu lesen, purzeln die Fragezeichen bildlich aus meinen Augen und ich frage mich noch eine Weile, ob und wenn ja, wie dieser Text weitergeht.
Vielleicht weil ich mit dieser Wucht an Sprachkunst nicht zurecht komme, vielleicht weil ich noch bevor ich alles nachvollziehen kann, mit der musikalischen Einlage abgelenkt werde: Für mich bleibt das Gehörte oft eine Begebenheit, die ich am Ende inhaltlich nicht wiederzugeben vermag, von der ich aber sicher weiß, dass sie mich zutiefst beeindruckt hat.
Das Geschick, das Vermögen, diesen Stoff vorzutragen, kann wohl nur unterschätzt werden und es gibt hundert Dinge, die man falsch machen kann. Ryo macht für mich fast alles richtig. Nach Fehlern zu suchen und das übertriebene Zeichnen mit dem Finger oder den geringen Augenkontakt zu den Hörern zu finden, macht keine Lust. Dafür findet er genau die richtige Geschwindigkeit, die erst eilig erscheint, es aber mit Absicht ist um dann an unvorhergesehen und überaus richtigen Stellen Pausen einzulegen. Und die braucht es auch.
Auch musikalisch gibt das Duo eine gute Figur ab. Mit der sprachlichen Gewandtheit des Gelesenen kann das zwar ganz sicher nicht mithalten. Es hat aber auch wieder sein Gutes, wenn die Musik wie eine Art Pause fungiert, Erholung von der kraftraubenden Epik Anna Büttners und deswegen auch alles andere als unwichtig an diesem Abend.
Ich empfehle das, ziemlich uneingeschränkt. Und schließe mit einem Zitat: Nur die Erinnerung bleibt; da ist nichts wiederzuholen, nichts zu wiederholen.