Am 5.Juli 2011 war es dann so weit: Hunderte Freunde des experimentellen Rocks pilgerten zum Hermannplatz, um nach einem Jahrzehnt deutscher Bühnenabstinenz den Helden einer ganzen Generation lauschen zu können.
Am gestrigen Abend konnte man Menschen aus allen Winkeln Deutschlands und auch aus dem europäischen Umfeld im Huxleys erleben. Denn wenn Primus spielen, dann geht das offenbar über die für Berlin typischen, allgegenwärtigen Scharen von Erasmusstudenten hinaus. Neben uns befand sich der hessische Männertrupp, der angeregt und leidenschaftlich über das beste Primusalbum fachsimpelte, vor uns der etwa 50 jährige Niederländer in Begleitung seiner zwei Teenager-Söhne und die nordischen Jungs fand man in der Nähe der Bar. Die aufgeladene Stimmung und die bunte Mischung des Publikums sorgten dafür, dass so etwas wie Festivalatmosphäre aufkam.
Im Konzertsaal angekommen, sprangen einem zwei riesige, aufgeblasene Astronauten-Gummipuppen auf der Bühne an, die die Hand zum Gruß erhoben hielten. Später sollten ihre leeren Helme als Fläche für die wirksamen Videoprojektionen von Primus dienen.
Die Vorband begann ihr Set vor recht leerem Saal, der sich jedoch alsbald füllte. Die Drei-Mann-Freak-Show von Hot Head Show traf offenbar den Geschmack der Meute, was aber durch die musikalische Nähe zu Primus nicht weiter verwunderte. Dabei forderte das von Brüchen durchsetzte experimentelle Blues-Gedudel die Zuhörer heraus. Auch wenn ich mir zwischendurch nie ganz sicher sein konnte, ob die Jungs eine Setlist hatten, oder einfach nur eine verrückte Jam-Session auf der Bühne abhielten. Dazu die bis auf einige Wortfetzen gewollt unverständlichen Ansagen des Sängers, die zusammen mit den lustigen Bühnenkostümchen das nerdige Selbstdarstellungskonzept vervollständigten. Dieses Trio war als Aufwärm-Act für Primus ideal.
Nach anschließender Umbaupause wurde das Huxleys in Einstimmung auf die Musiker des Abends mit einem Intro beschallt, das irgendwo zwischen einem Super Mario auf Drogen und einer Mischung aus Geisterschloss- und Marschmusik anzusiedeln ist. Als dann schließlich Primus die Bühne betraten und die ersten Klänge von dem Opener To Defy the Laws of Tradition erschollen, setzte frenetischer Jubel ein, der in den folgenden anderthalb Stunden auch immer wieder aufbrauste.
Les Claypool, Larry Ler LaLonde und Jay Lane lieferten sich Klangschlachten voller Virtuosität, die Finger flutschten die Griffbretter rauf und runter, während Jay Lane wacker trommelte. Das treibende, beschwörende Schlagzeugspiel, das Gitarrengefrikkel mit vielen Noise-Elementen und die dominanten Basspassagen inklusive des Primus-eigenen Grooves nahmen schnell gefangen. Das Ganze wurde untermalt von den Projektionen auf die Astronauten, die das Erlebnis Primus live gelungen abrundeten.
Da gab es expressionistisch anmutende Stadtszenen, in denen ein Anzugträger mit Gasmaske ziellos herumirrte, schattenboxende Männer und Frauen folgten auf in der Bratpfanne schmorende Knetmännchen, Elefanten hüpften ausgelassen auf Trampolinen herum und bei einem der neuen Songs The Eyes of a Squirrel konnte man ganz raffinierterweise ein niedliches Eichhörnchen beim Knabbern von Nüssen beobachten. Claypools virtuoses Spiel und sein flehender, infernalischer Sprech-Sing-Sang führten zu Liebesbekundungen seitens des überwiegend bärtigen Publikums, welche das Bassidol nonchalant mit You’re welcome! quittierte.
Die neuen Songs Lee Van Cleef oder Tragedy’s A Comin‘ wurden ebenso vom Publikum bejubelt, wie die gespielten Klassiker My Name is Mud, American Life oder mein persönliches Highlight Mr. Know it All.
Noch etwas zu Larry LaLonde: Claypool kündigte ihn mit den Worten And this is the part of the show, when you can see Larry in all his glory an. Und dann legte ein von David Gilmour inspirierter LaLonde ein virtuoses Rifffeuerwerk hin, das seinem Instrument alles abverlangte. Rifffeuerwerk auch deshalb, weil hierzu Bilder von explodierenden Blitzen auf die Astronautenköpfe projiziert wurden, so als würde man gerade bei Guitar Hero nur die goldenen Töne treffen. Ein audiovisuelles Gesamtkonzept, das durch die Dramatik überzeugt. Und zum Schmunzeln bringt.
Die neuen Titel wurden von der Audienz gespannt erwartet, allerdings hebten sie sich trotz elfjähriger Schreib- und Komponierpause kaum von den alten Stücken ab. Claypool erklärte dies folgendermaßen: We rerecorded our old songs and changed the words. Aha. Also keine Weiterentwicklung. Allerdings ist diese bei den Gründungsvätern der psychedelic polka auch nicht zwangsläufig von Nöten, denn es ist schön zu hören, dass sie sich ihren avantgardistisch-funkigen Groove beibehalten konnten.