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FM Belfast

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Pop.NotPop Clubfestival Stuttgart Die Konzerte

von Markus Kollmann

Wenn es ums planen geht sind Leute extremst unterschiedlich. Manche wissen schon einen Monat im Vorraus, wie und wo sie was machen. Andere lassen sich einfach treiben und wollen bewusst keine zeitliche Hektik aufkommen lassen. Ich habe mich für den goldenen Mittelweg entschieden, wollte mich treiben lassen, um dann aber bei FM Belfast auf der Matte zu stehen. So der Plan.

Um 21:00 Uhr sollte dann Kristoffer Ragnstam auf die Keller Klub Bühne kommen und seine großartigen Lieder zwischen Pop, Soul und Rock vortragen. 3 Bandmitglieder waren dann auch schon auf der Bühne und spielten los, bis auf einmal der Drummer zu singen anfing. Musste Kristoffer Ragnstam wegen Krankheit ersetzt werden? Hat man ihn vergessen mitzunehmen; und da sitzt er jetzt nun in Schweden, allein beim Angeln und träumt von der großen weiten Welt? Nein, er ist der Drummer, bzw. der Drummer ist Kristoffer Ragnstam. Man hätte ihn fast nicht erkannt, hinter seiner dicken Nerd-Brille und dem Hut aus vergangenen Tagen auf seinem Kopf. Doch als er zu singen anfängt und von den Drums zu seinem Lieblingsinstrument übergeht, ist das Bild von dem schwedischen Aussiedler wieder weg. Vielmehr gehört er genau hier hin, auf die Bühne nämlich. Eigentlich auf viel größere Bühnen. Während die meisten Bands sich in kleinen Clubs wohlfühlen und sich ihre Musik erst dort richtig entfaltet, müssen die Popsongs von Kristoffer Ragnstam raus in die Welt. Von mir aus in die Schleyerhalle oder ins Stadion. Das sag ich nicht oft, eigentlich so gut wie nie, aber in diesen Liedern steckt soviel Potenzial und Popverständnis, dass sie sich mit 10 Streichern einer Big Band und Feuerwerkbombast richtig entfalten könnten. Nun steht er aber nicht in der Mercedes-Benz Arena sondern im Keller Klub und hat Mühe sich gegen die sich laut unterhaltende Menge durchzusetzen. In den vorderen 10 Reihen wird andächtig gelauscht und mitgewippt, doch dahinter geht es eher um das letzte Besäufnis oder den bösen Chef. Dabei verpassen sie ein sich aufopferungsvoll singenden und schreienden Kristoffer, mal an den Drums, mal an der Gitarre und seine 2-Kopf-Band die durch das abwechslungsreiche Set führt. Und als „who set the city on fire?“ zuerst leise und dann immer lauter durch den Keller geknallt wird, entdecken sogar die hinteren Reihen, dass es bei Pop.notPop um Musik geht. So kann es weiter gehen und tatsächlich wird es noch besser, ja gipfelt sogar in dem Konzerterlebnis des Jahres. Aber der Reihe nach.

Der Plan sah nun vor sich Lena Malmborg anzuschauen. Der nächste schwedische Künstler im Keller Klub. Wie gesagt man kann nicht alles planen und ich ließ mich davontreiben. Meiner Meinung nach hätte die liebe Lena bei ihren Fußballschuhen bleiben und die Gitarre wieder in die Ecke stellen sollen. So ist sie aber auf der Bühne und präsentiert ihren eher lahm vor sich hingaloppierenden Country-Pop. Lieber Schocken ich komme. Und dies war, wie sich herraus stellen sollte die beste Entscheidung des Abends, denn viele wollten sich FM Belfast anschauen und es bildete sich schon eine Stunde vorher eine rießige Menschentraube vor dem Eingang. Und wer nicht sehr früh dran war, der musste sich das Konzert durch die großen Scheiben von außen anschauen. Und so will ich dieses Islanderlebnis aus zwei verschiedenen Sichten vorstellen. Musikfan Hans ist leider nicht reingekommen, will das Konzert aber nicht verpassen und schaut von außen rein. Indie-Kid Peter ist gut informiert, war schon früh da und hängt noch an der Bar rum.

Das Konzert fängt an. Hans sieht wie die Band auf die Bühne springt und der Frontsänger vom Klassenstreber zum Einheizer mutiert und wild in die Menge gestikuliert. Peter hört, dass es los geht, nimmt sein Bier mit, mischt sich in die Menge und sieht vor lauter springender Menschen nichts von der Bühne, hüpft aber wie von der Tarantel gestochen mit und gröllt Textzeilen, die er zum ersten Mal gehört hat. Hans kann nicht verstehen wie 100 Leute gleichzeitig völlig ausrasten können und wippt ein bißchen mit dem Bass mit, der sich als einziges Geräusch durch die Scheiben drückt. Peter ist derweil nass geworden.Von sich selber, seinen umstehenden Leuten und seinem Bier, dass er in totaler Ekstase wild über seinem Kopf umhergeschleudert hat. Hans trinkt unterdessen seines und schaut zu wie der völlig überforderte Security versucht die Leute von der Bühne wegzuhalten. Langsam wird es schlecht mit der Sicht, weil die Forderung von FM Belfast in die Realität umgesetzt wird das Schocken in eine Saune zu verwandeln und somit die Scheiben anlaufen. Das einzige was er noch erkennen kann ist, dass sich die Mitglieder ihre Hosen ausgezogen haben und der etwas fülligere Drumer auf der Box herumspringt. Peter sieht auch nicht sehr viel, da er kopfüber an der Galerie hängt und angestachelt von der Musik hin und her schaukelt. Später wieder in der Menge wird „eins,zwei Polizei“ angestimmt und wie in Trance „Par Avion“ weitergesungen. Das dabei die Band schon lang nicht mehr auf der Bühne ist, merkt Peter nicht.

Bei einem gemeinsamen Bierchen nach der Show, treffen sich die beiden Freunde Hans und Peter, erzählen sich ihre Versionen und kommen zu dem Ergebnis, dass es wohl das beste Konzert dieses Jahr war.

Zu diesem Schluss kam auch ich. Mitgerissen von der wahnsinnigen Show und der Energie die von der Bühne ohne Umwege in die Menge überging, bin ich überwältigt mit welcher Wucht diese Elektropop-Songs über mich einbrachen. Das war ein Teufelsritt, den der Schocken so wohl schon seit langem nicht mehr gesehen hat.

Weiter war kein Plan geschmiedet. Und das war auch gut so. Den FM Belfast hatte mich fertig gemacht. Ich klapperte zwar noch alle Clubreihen ab und eigentlich konnten vor allem das Motor FM Clubsandwich und Yum Yum überzeugen, doch sogar ein Duracel-Häschen wäre nach so einer Show erledigt.

Alles in allem ein wunderbares Festival mit tollen Künstlern, Neuentdeckungen für jedermann und tanzbarer Musik bis in die Morgenstunden. Nur muss überlegt werden, ob man für den Headliner nicht doch eine größere Location aussucht, damit auch Hans, der schließlich bezahlt hat, nicht nur zusehen sondern auch zuhören kann.