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Open Ohr Festival in Mainz

von Kathrin Müller

Am Pfingstwochenende war die Zitadelle wieder einmal Schauplatz für ein Festival der etwas anderen, aber auch sehr außergewöhnlichen Art. Denn wo sonst tanzen Hippies neben Mainzer Jugendlichen und jonglieren Studenten neben Müttern, die selbst die kleinsten Kinder mit neongrünen Gehörschützern über die Wiese der Hauptbühne tragen.
Das Open Ohr Festival hat eben Charakter - und das schon zum 37. Mal.

 

Schon Tage vor dem Pfingstwochenende liegt das Open Ohr geradezu in der Luft: Überall in Mainz hört man die Leute munkeln, im Bus wenden Teenager all ihre Überredungskünste an, um ihren Eltern die Erlaubnis für das Übernachten auf dem Festivalgelände zu entlocken, die Mitbewohner verteilen Programmhefte und die Alternativen unter den Studenten machen kräftig Werbung. Für die Mainzer ist das Open Ohr zur Tradition geworden, doch auch für viele andere ist das Festival fester Bestandteil des Wochenendes.

So begeben sich auch dieses Jahr die meisten nicht zum ersten Mal auf die Zitadelle, um Musik, Kultur und Politik zu genießen. Einen Musikstil kann man dem Festival nicht zuschreiben, dazu ist es einfach zu facettenreich und unterschiedlich, nur eines bleibt es immer: Alternativ, unkonventionell und politisch.

Da die Hauptbühne mittags meist für Workshops genutzt wird, befindet sich am Drususstein die zweite Musikbühne des Open Ohr und ist wohl eine der schönsten Bühnen die man so haben kann für seinen Festivalauftritt. Der runde Rasenplatz ist umgeben von einem kleinen Wäldchen, zwischen dessen Bäumen überall Hängematten und Slacklines gespannt sind. Was früher für aufwendige Gedenkfeiern für den römischen Feldherrn Drusus genutzt wurde, ist am Samstag die Bühne für Äl Jawala aus Freiburg.

Während bei anderen Festivals mittags um drei nur sehr wenige die Motivation haben, ihr Zelt zu verlassen und sich zum Festivalgelände zu begeben, ist beim Open Ohr der Drususstein schon sehr voll, als die Freiburger die Bühne betreten. Dass dieses keineswegs ein Fehler war, beweisen Äl Jawala sofort, denn ihre Musik ist wirklich nicht nur Irgendeine.

Aus dem Arabischen übersetzt bedeutet Äl Jawala das fahrende Volk und genau so war die Truppe bis vor einigen Jahren auch unterwegs. Da schon in den Fußgängerzonen die Stimmung am Kochen war, war schnell klar, dass diese Band unbedingt auf Festivals muss.

Und es ist schon beeindruckend, wie es ihnen gelingt mit ihren Saxophonen und den Balkanbeats so viele Menschen zum tanzen zu bringen. Schnell wird klar, wie viel Spass die Freiburger auf der Bühne haben, so dass der Spassfaktor schnell zu den Leuten vor der Bühne überspringt. Es wird ausgelassen getanzt, die meisten, wie es sich auf dem Open Ohr gehört, barfüßig und auch die Kleinsten tanzen auf den Schultern der Eltern mit.

Die Saxophone ergänzen sich wunderbar mit den Balkanbeats und Lieder wie Heymischer Bulgar und Toulouse Groove sind so beschwingt und lebensfroh, dass sie einen geradezu zum Bewegen zwingen.

Wir sagen Äl – ihr sagt Jawala, Äl Jawala, Äl Jawala. Die Open Ohr Besucher sind überzeugt von Äl Jawala, denn spätestens nachdem Krischan und Steffi noch eine achtminütige Saxophoneinlage drauflegen, ist klar: Die zwei haben es wirklich drauf.

Am Sonntag geht es auf der Hauptbühne mit drei Frauen weiter, die alle selbst eine so unverwechselbare und starke Stimme haben und nun gemeinsam ein Bandprojekt versuchen. Drei dermaßen unterschiedliche Charaktere zu einer Einheit zu führen klingt nach großen Schwierigkeiten. Aber was bei anderen in Chaos endet, ergibt bei Karolina, Yael und Dana eine Einzigartigkeit, der es gelingt, alle Stimmen gleichermaßen in den Vordergrund zu stellen. Zusammen ergeben die drei Habanot Nechama, die sowohl auf Englisch als auch auf Hebräisch mit sehr unterschiedlichen Instrumenten und Stimmen, musikalisch sehr viel Harmonie ausstrahlen. Und genau das kann man auf dem Open Ohr förmlich spüren. Da sitzen auf der Bühne drei israelische Frauen, die eine in Jeans und Cowboystiefel, die andere in einem eher traditionellen Kleid und die nächste in einem orangenen Kleid mit blauer Strumpfhose, und könnten unterschiedlicher gar nicht auftreten. Und dennoch würde man nie daran zweifeln, dass diese Frauen zusammengehören.

Mal soulig, mal folkig gelingt es ihnen mittags um halb zwei sehr viele Menschen zum Tanzen zu bewegen. 

Unglaublich entspannt ist auch ihre Art auf der Bühne zu stehen, denn es wirkt unglaublich authentisch wie sie da oben plaudern, Dschungelgeräusche von sich geben und von Marla Glen schwärmen.

Noch viel beeindruckender aber sind tatsächlich ihre wunderbaren Stimmen, die sie in Höhen und Tiefen bewegen können, die nur noch Erstaunen und pure Faszination erlauben. Der Charme dieser zauberhaften Stimmen ist es auch, der Lieder wie Ya und Ever zu etwas ganz Besonderem macht, sodass man selbst bei 25 Grad eine Gänsehaut bekommt.

Am letzten Festivaltag konnte dann bei WhoMadeWho nochmal richtig gefeiert werden, denn den Jungs aus Dänemark eilt ihr Ruf als hervorragende Liveband geradezu voraus. Der schlichte und an sich eigentlich eher unspektakuläre Stilmix aus Elektro-Pop und Garagenrock hat live soviel Potential, dass Zuhören und Tanzen geradezu eine Pflicht sind.

WhoMadeWho ist wieder eine dieser Bands, deren Mitglieder alle schon vor der Gründung ihr Geld mit der Musikmacherei verdient haben, so dass auch bei den Dänen völlig unterschiedliche Welten aufeinander treffen. Während Gitarrist Jeppe eher aus der Jazzecke kommt, hat sich Drummer Tomas schon als House-DJ einen Namen gemacht. Aber auch die Jungs aus Dänemark profitieren ausschließlich von diesem Clash, an dessen Ende ein verspieltes Zusammenspiel von treibenden Beats und heftigen Stakkatogiarren steht.

Live sind die drei tatsächlich eine Wucht, denn was auf der Platte manchmal noch etwas an einseitigen Diskosound erinnert, erzeugt auf der Bühne eine solche Stimmung, dass man sie am liebsten ewig da oben sehen will.

In Keep me in my plane wirkt vor allem die verhallte, manchmal auch etwas nasale Kopfstimme von Sänger Thomas wunderbar in Kombination mit den beiden Gitarren und dem etwas eintönigen Beat der Drums.

Auch der Ohrwurmcharakter vieler Songs kommt ihnen natürlich bei ihren Live-Auftritten zugute, denn man hat bei vielen Liedern das Gefühl, sie irgendwo schon mal gehört zu haben, was auf von den beträchtlichen Ähnlichkeiten mit anderen großen Bands zeugen könnte.

Am Ende ist es aber die unglaubliche Spielfreude, die den Unterschied macht und dafür sorgt, dass sowohl Band als auch Publikum immer in Bewegung bleiben, so dass Thomas ein Bad in der Menge nimmt und im Gegenzug für das letzte Lied die ganze Meute auf die Bühne bittet.

Nach vier Tagen voller Musik, Kultur und Kleinkunst ist auf jeden Fall klar, dass die Einzigartigkeit, die diesem Festival nachgerufen wird mit Sicherheit ihre Berechtigung hat.

Denn die Veranstalter des Open Ohr schaffen es jedes Jahr wieder durch das unglaublich vielfältige Programm aus Theater, Podiumsdiskussionen, Dokumentarfilmen, Musik und Workshops die unterschiedlichsten Menschen anzusprechen und haben somit einen Weg gefunden, Politik für groß und klein interessant und ansprechend zu machen.

Fazit ist also: Die Mischung macht´s!