Ein Abend zum Träumen - So lassen sich die isländischen Klänge an diesem Sonntag, in der gut besuchten Stuttgarter Rosenau, wohl am ehesten zusammenfassen.
Begonnen hat alles mit vier Isländern, die sich der mittlerweile totgeglaubten und ausgetretenen Spielart des instrumentalen Postrocks verschrieben haben. Dass diese Genrekritik nicht ganz unberechtigt ist, beweisen auch For A Minor Reflection. Denn wirkliche Innovation sucht der erfahrene Postrock-Hörer vergebens. Und dennoch wirkt der an Explosions In The Sky erinnernde Sound, live unglaublich stimmig, atmosphärisch und mitreißend. Klanglandschaften werden mit viel Liebe zur Melodie minutenlang aufgebaut, gehen in einem Gitarren- und Schlagzeuggewitter unter, um kurz darauf wieder vorsichtig aus den Trümmern aufzuerstehen. Altbewährter Postrock, richtig praktiziert, bleibt live eben doch immer noch packend.
Nachdem entsprechend umgebaut war, kam auch schon Ólafur Arnalds mit seinem weiblichen Streichquartett (2 Geigen, Bratsche und Cello) auf die Bühne und fragte zunächst schüchtern nach, ob es dem Publikum nicht angenehmer wäre auf dem Boden Platz zu nehmen. Den Vorschlag beklatschend bequemten sich die Herren und Damen also auf den Boden der Rosenau - ein paar Ältere blieben, wohl aus Gesundheitsgründen, dennoch lieber hinten stehen - und das Sitzkonzert konnte beginnen.
Natürlich war man gespannt, wie die neuen Stücke vom frisch erschienen Album überhaupt klingen, ob sie mit Früherem stilistisch harmonieren und live eben so in ihren Bann ziehen können. Und ja, sie können. Ólafur Arnalds bleibt seiner Mixtur aus Klassik und vorsichtig eingesetzten, elektronischen Elementen treu. Zurückhaltende, repetitive, gebrochene Dreiklänge getragen durch fugenartigen Einsatz und einen tiefen, flächigen Klang der Streicher, erzeugen vermischt mit meist leisen, elektronischen Drums und Spielereien verträumte, fesselnde Klangteppiche und lassen den Hörer so aus der Dunkelheit gen Traumwelt emporsteigen. Und wenn man an diesem Abend um sich blickt, so sieht man nicht wenige mit gesenktem Kopf und geschlossenen Augen der Musik lauschen. Nur selten, wie etwa bei Hagt, Kemur Ljosya oder Tunglia kommt es zum Gefühlsausbruch. Die meist einstimmig beginnenden Stücke, entwickeln sich langsam, aber stetig in Dynamik, Harmonik und Tonumfang, immer wieder kommen neue Strukturen und Elemente hinzu, breiten sich im Raum aus, um am Ende in einem kleinen musikalischen Feuerwerk zu gipfeln.
Wie aus einem Guss fügen sich die Stücke aneinander, die Veränderung ist nur in Details auszumachen. So sind die neuen Stücke, dem Albumnamen entsprechend, etwas offener und warmherziger, die Drums wirken verhaltener und vermischen sich mehr mit den Keyboard- und insgesamt streicherlastigeren Melodien. Ólafur Arnalds ist mit ...and they have escaped the weight of darkness also eine konsequente Fortführung gelungen. Wer allerdings bisher nichts mit seiner Musik anzufangen wusste, wird auch mit diesem Album nicht bekehrt werden können.
Zwischen den Stücken zeigt Ólafur Arnalds auch immer wieder seine sympathische, humoristische Seite, wenn er beispielsweise seinen Albumtitel mit denen von Metalbands wie Mayhem vergleicht. Nach zwei Zugaben (dem großartigen 3055 und einem Solostück am Keyboard) konnte das Publikum schließlich mit einem mollig-warmen und entspannten Gefühl im Körper und etwaigen Rückenschmerzen der verregneten, Stuttgarter Nacht entgegentreten, ohne dabei die Frage geklärt zu haben, wie es das isländische Volk denn nun immer wieder schafft, diese großartigen Musiker hervorzubringen.