Meine Erinnerung an Herrn Frevert besteht aus An der Ecke rauslassen, ein Stück, dass ich auch weiterhin mit mir rumtragen werde, denn das ist wirklich schön. Es war aber auch ein Außenseiter auf dem alten Album. Seither ist viel Zeit ins Land gegangen, ich bin sehr gespannt auf das neue Produkt namens Zettel auf dem Boden.
Die mySpace-Seite gammelt so vor sich hin, dass es ein neues Album gibt, erfuhr ich erst, als ich vom Konzert las und klar war, dass er die Tour nicht mit altem Kram antritt. Zehn Tage am Stück, Stadt für Stadt, Abend für Abend, hoffentlich stimmt die Ausdauer.
Es wird ein Abend an dem ich mich frage, warum ein Bier schal wird. Die Ursache ist die gleiche, die auch Musik schal klingen lässt. Sie hat keinen Pfiff, keine Säure, kein unerwartetes Moment. Sie ist abgestanden und alt, als hätte jemand stundenlang darin gerührt.
Erst mit dem dritten Stück, bin ich so richtig auf diesem Konzert angekommen, die ersten beiden haben mit mir nichts gemacht. Der dritte Song ist An der Ecke rauslassen. Der dritte. Als ob er es hinter sich bringen will. Als wäre es ein Plan, mit einem angekommenen, einem grundsoliden Stück hinzuleiten auf das neue Album. Der Plan geht nicht auf, denn die Leitung führt zu - und jetzt nehme ich etwas vorweg - schummrigen Werken, deren Vertonung dem Inhalt nicht hinterherkommt.
Dann ein Lied, das nicht von ihm ist. Schon ist alles besser, die Band funktioniert ja doch. Jetzt sind auch die Versenden geordnet und stimmig.
Weitere neue Stücke folgen, die vielleicht weniger als Lieder durchgehen, mehr als Geschichten, Prosatexte, die nachträglich in Form von Musik erzählt werden sollen. Da verquatscht es sich schnell. Niemand braucht perfekte Reimformen, aber hier wird gehammert und gemeißelt, Melodik hin oder her. Da ist ein Cello und eine Trompete, damit ist es nicht schwer mich zu begeistern. Heute klingt es allerdings nach ein paar Kindern, die Improvisation versuchen, aber nur Chaos hinkriegen. Der richtige Zeitpunkt, um mich kurz zu entschuldigen, von der Toilette höre ich weiter. Von dort zurück halte ich am Waschbecken inne und widme mich dem monströsen Stempel auf meinem Handgelenk. Dass ich mich noch immer nicht beeilen muss, höre ich klar und deutlich.
Dann doch noch etwas schönes, mit endlich starkem Cello und Klavierbegleitung, ganz ohne das anfangs zarte, später nervend-laute Schlagzeug. Und was macht Niels? Er vergisst den Text. Als er wieder einsetzt hab ich das gute Gefühl schon verloren. Und den Liedsinn auch. Jetzt verstehe ich nur noch was von Waschmaschine, und das darin noch Platz sei. Eigentlich ein guter Song aus dem alten Album.
Jetzt verfällt die Trompete wieder in stumpfes Begleiten, trocknet aus. An der Bar sitzt ein mitsingender Gast. Die Frauen streicheln ihren Männern für das Bringen einer Orangina über den Arm.
Vorne wird wieder ein Satzende in ein Melodieende gequetscht. Ein schnelles, genuscheltes 'Quadratmeter', ein langgezogenes 'WeeWeeEffTier', fast schon in Pohlmann-Manier.
Die an sich so markante Stimme hat es nicht so mit den gehaltenen Höhen und bei dieser Verbiegerei hört man das ein ums andere mal. Und wieder denke ich an Pohlmann.
Vielleicht ist Niels Frevert schneller alt geworden als ich, vielleicht ist Zettel auf dem Boden ein Ausrutscher. Oder dieses Album ist gar nicht so schlecht und ich nur völlig berauscht von all den Gisberts, Thees, Philipps und Tims, die auf der linken Seite vorbeigezogen sind, wie ein von Bienen gestochener Pohlmann. Von schalem Bier wird man eben nicht betrunken.