Heizten vor Wochen im franz.k in Reutlingen noch unter anderem Egotronic, Saalschutz und Rampue beim Audiolith-Fest ein, schauten nun schon die nächsten Acts des Electro-Punks vorbei. Der Vorreiter des Genres, die Mediengruppe Telekommander, kam zusammen mit Captain Capa zur großen Radau & Rabatz-Klub-Live-Nacht.
Die ist zur Vorband Captain Capa, deren Auftritt für eine Vorband eine lange, aber angenehme Stunde dauert, noch nicht derart gut besucht, wie es bei der großen Audiolith Feier vor ein paar Monaten der Fall war. Pop, Emo, Trash, Electro, Nintendo - ein wilder Bastard mit allerlei Soundeffekten beschert den Beiden aus dem Heilkurort Bad Frankenhausen bei Leipzig Beachtung und anständigen Applaus. Manchmal klingen sie an ihren Keyboards etwas zu sehr nach einem Roboter, der wirre Soundcoulagen um sich wirft - in den besseren Momenten sind sie dann aber wiederum nahe am großen electro-verseuchten Pop-Song.
Im Anschluss liefert ein tiefes Intro den Weg für das nicht minder dunkle und befremdliche "Runterkommen" vom aktuellen Album "Einer muss in Führung gehen". Konfrontiert mit diesem trägen Noise-Stück begutachten die Zuschauer das ganze lieber mal, bevor an dritter Stelle mit "Trend" ein Klassiker das franz.k wach rüttelt.
Die Mediengruppe Telekommander sollte mit Ihrem Mix aus kräftigen Beats, bestechenden Melodien, Rap-Einlagen und Rock mit Punk-Attitüde zwar voll in einem solchen Trend stehen; einem Trend, dem sie mit ihren Alben "Die ganze Kraft einer Kultur" und "Näher am Menschen" den Weg geebnet haben - tun sie aber nicht. Aus den Köpfen der Menschen, gar nicht mehr so nah dran. Auf der Bühne sieht das anders aus - Abstand Fehlanzeige.
Zwischendrin wird gescherzt, nett unterhalten - während den Songs das Megaphon ausgepackt, die Menge angeschrien, mit Parolen für die Wände. "Mein Herz ist schwarz wie deine Coca Cola", "Sprengkörper weil's sonst langweilig wird, auch wenn sich einer mal am falschen Ort verirrt" oder "Denn Tickt erst mal einer, dann ticken auch zwei und ticken mal zwei sind bald alle dabei" würden sich in Edding sicherlich überall gut machen. Rebellisch geht da die Faust in die Höhe. Kritik als oberste Priorität, geschickt und intelligent verpackt. Massenkompatibel sollte das nicht sein, aber anregend zur Meinungsbildung. Schnell stellt man fest, dass Qualität hier noch groß geschrieben wird, Quantität ist für andere.
Die neuen Stücke beweisen eine rauere, meist weniger technoide, sondern viel menschlichere herangehensweise. Richtige Instrumente laufen heiß. Live werden Gerald Mandl am Bass und Florian Zwietnig an der Gitarre, die sich den Gesang teilen, von einem Drummer unterstützt. Bei den alten Stücken bewähren sich die Beiden als MC's.
Nach "Bis zum Erbrechen schreien" ist für kurze Zeit Schluss, die Mediengruppe Telekommander kommt aber noch einmal zurück und hämmert sich durch "Kommanda". Durch Drum, Kanister und Metall recycled bekommt der Song eine wahre Frischzellenkur. Das ist was ganz feines.
Dann ist aber wirklich ein Ende gefunden. Bevor die zweite Zugabe angestimmt werden kann, stellt Florian Zwietnig den Verlust seiner zweiten Perkussion fest. Auch nach Aufforderung kommt die nicht wieder zurück. Ein kleiner Widerstand. Das kotzt an - Band, Fans, Stimmung. Es tut ihnen Leid, dass nun viele aufgrund eines einzelnen in Mitleidenschaft gezogen werden. Das passiert sowieso viel zu oft. Weiter geht es nicht. Die Mediengruppe Telekommander verschwindet. Auch das ist Punk - und jenseits jedes Trends.