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nagel linus promo

Lesereise mit Nagel und Linus im KellerKlub Stuttgart

von Stefan Haug

Mit Wein und Wodka getränkt über verhaltensgestörte Neurotiker, allerlei Exkremente, gegenseitige Bewunderung und mehr, das alles unterstützt von aussagekräftigen Bildern und Videos. Nagel und Linus Volkmann präsentierten ihre Werke, Gedanken und Anekdoten auf ihrer gemeinsamen Lesereise im Kellerklub in Stuttgart.

Man nehme zwei charismatische Autoren, die zu unterhalten wissen, setze sie zusammen an einen Tisch, gedeckt mit Alkohol und Zigaretten und schickt sie so auf Lesereise. Auf der wird dann gegenseitig aus den Werken vorgelesen, das vorgetragene kommentiert und mit allerlei Rahmenprogramm abgerundet. Man hat Spaß, wird zu Freunden, verhält sich wie ein Paar, mag sich irgendwann doch nicht mehr so sehr, lebt nebeneinander her, wird sich satt. 

Zum Glück ist es bei Nagel, ehemals Sänger der Band Muff Potter, und Linus Volkmann, Redakteuer bei INTRO, noch nicht so weit, dass man sich einander nix mehr zu sagen hat. Sie sind die beiden Charaktere, die mit ihrer "Speed Dating" betitelten Lesereise momentan die deutschen Bühnen bereichern. Auf die Frage, ob sie heute Abend aufgeregt seien, meint Nagel glaubwürdig, dass er sich darüber eigentlich noch keine Gedanken gemacht habe. Linus hat keine Ahnung. Das spricht für sich.

Der Kellerklub in Stuttgart am Rotebühlplatz - der Ort, an dem ein Kollege Linus' früher nach Gitarren und Drogen ausschau hielt, ist die fünfte Haltestelle auf der zehn Abende umfassenden Lesereise. Halbzeit also - und die beiden Herren machen keineswegs einen müden Eindruck. Nur Linus manchmal, wenn er am Abend zuvor zu tief in sein Glas geschaut hat, ist heute aber nicht so. Musste gestern wohl ausgekatert werden, dafür geht heute wieder mehr. Der halbe Liter Wodka steht bereit.

Genau so wie Linus neustes Werk "Endlich natürlich", in dem es um den Student Wilhelm geht, der mit einer Vielfalt an Neurosen durch das Leben zieht. Begleitet von einem blauen Auge, welches er von dem Mann seiner Affäre abbekommt, panischen Zuständen, einer garstigen alten Nachbarin und einem Finnen, den er nicht mehr aus der Wohnung bekommt. Drei Ausschnitte gibt es am Abend zu hören. Die Story liest sich gut, Linus und Nagel haben sichtlich Spaß.

Letzterer ließt heute nix aus seinem Debüt-Werk "Wo die wilden Maden graben" von 2007. Dafür gibt es zwei seiner "Vielen Dank für die Blümeranz"-Kolumnen aus dem Berliner Bahnhofsmagazin Opak, für welches Nagel regelmäßig schreibt. In "Ach Scheiß der Hund drauf" geht's um einen Hund namens Rioja und dessen Exkremente - das läuft im Themenblatt Opak dann unter dem Oberbegriff Schmutz. Im zweiten Thema geht es dann um die "Bewunderung" unter ein paar Jugendlichen Traditionalisten. Einen exklusiven Einblick gibt es mit einem Auszug vom im September erscheinenden neuen Buch "Was kostet die Welt". Hier spielt der Charakter Meise die Hauptrolle, ebenso wie der Wilhelm von Linus mit Neurosen gesegnet und einem nicht ganz intakten Leben. Inwiefern dies nicht rund läuft, das gilt es im Laufe der Handlung zu erkennen.

Es wird aber nicht nur vorgelesen heute. Die netten Ideen drum herum machen den Abend zu dem was er ist - das oben angesprochene Rahmenprogramm. So werden im Intro zu Beginn womöglich alle Stuttgarter Stadtteile begrüßt. Womöglich deshalb, da man bei 152 Stück schnell den Überblick verliert. Kostlichst über die fehlenden VIP's und eine dadurch leere erste Reihe amüsiert. Es gibt Bilder aus dem Leben der Beiden, zum Beispiel von Linus, wie er am ersten Abend euphorisch und oberkörperfrei durch Nagel's Hotelzimmer tanzt. Aber auch ein Video von ihm beim Bartvarianten zur Schau stellen und eines davon, wie es Nagel in Kanada vom Fahrrad nimmt - unkommentiert wohl kaum lustig, mit den Beiden voran aber recht unterhaltsam.

Man erfährt, dass Linus von der Band Echt Schlecht angetan ist und Nagel gerne teuer und vor allem alleine reist. Nicht zu vergessen das wahnsinnige Lachen von Linus, eines der Sorte ansteckend. Basieren da die Neurotiker in den Werken auf das eigene Leben? Ist das Autobiografisch? Man weiß es nicht, auch beim netten "Musiker-Biografien-Raten" nicht, wer gemeint ist. Vielleicht, weil Linus mit seinem Auszug am Thema Musiker völlig daneben greift. Nagel liegt da mit Kylie Minogue schon besser.

So geht das zwei Stunden lang - Anekdoten für's Leben - verpackt in einen runden Abend, der mehr Gäste verdient hätte. Ach Scheiß doch der Hund drauf, ab ins Hotelzimmer, Linus - zieh dich aus, tanz!