Etwa zwei Meter vor der Kasse fragt mich mein knipsender Begleiter: „Sag mal, kannste mir vielleicht was leihen, hab' nicht genug Geld dabei.“ Ich schaue ihn kurz schief an und sehe keine Kameratasche. „Na, wir stehen doch auf der Gästeliste, Kulturpegel und so?!“ - „Ach.. oh, ich dachte wir sind nur so hier, privat quasi! Verdammt, jetzt macht das alles ja auch viel mehr Sinn, von wegen, dass ich mitkommen muss!“
Ja, trotz all meiner menschlichen Zuneigung steckte da kein romantischer Gedanke dahinter. Grinsend frage ich ihn, was er denn dann überhaupt in seinem im Auto liegenden Rucksack habe – „Meinen Haustürschlüssel.“
Da stehen wir also weit weg von Zuhause lachend in der Schorndorfer Manufaktur ohne Kamera. Nichts zu machen. Und so kommt es, dass dort oben über dem Text nur ein Pressebild von Herrn Vile prangt. Ein ernst gemeintes „Tschuldi!“ hierfür und ich hoffe niemand nimmt uns den kleinen geistigen Patzer übel. Der Junge hatte immerhin auch einen heißen, stressigen Umzugstag hinter sich.
Aber genug von uns. Schließlich geht es hier um Kurt Vile und seine Bandbegleitung The Violators. Letztere bleiben für den ersten Song allerdings erst mal neben der Bühne, auf die Kurt alleine trottet. Die Akustikgitarre um den Hals geschwungen, leitet er den Abend mit dem verträumten Blackberry Song ein (freundlicher Gruß an die Stuttgarter Zeitung an dieser Stelle). Die langen Locken hängen ihm ins Gesicht, die Hose sitzt eng und seine apathische Stimme fesselt mit ihrer Lässigkeit sofort. Passend dazu werden Wörter kurzzeitig verschluckt, genuschelt oder schlagen kleine Saltos.
Für das aus älteren Songs zitierende Runner Ups stoßen die Violators dazu, um ihrem Kumpel aus Philly zur Saite zu stehen. Der bärige Drummer bearbeitet sein Schlagzeug dabei abwechselnd mit Rassel, Mallets oder bloßer Hand.
Das Publikum ist zwar aufmerksam, reagiert zunächst aber eher träge und zurückhaltend. Die Lethargie eines 35 Grad Tages steckt wohl noch in den erhitzten Knochen. Auch der Mann am Mischpult ist mehr mit dem Laptop-Livestream von Manchester United als mit der Technik beschäftigt. Für Außenstehende kann Kurt Viles Musik durchaus einen lustlosen, dahinplätschernden Eindruck machen. Wer sich allerdings etwas intensiver mit seiner Musik befasst, versinkt problemlos binnen Sekunden in den Songs und den pittoresken Gitarrenmelodien.
Und so kommt es nicht unerwartet, dass Beifall und Jubelschreie nach dem Klassiker Freeway und den neuen Stücken On Tour und Ghost Town deutlich zunehmen. Auch die Band nimmt jetzt Fahrt auf und jagt zunächst das Mörderriff von Hunchback in den Raum, um anschließend den von elektronischem Beat und Saxophon angetriebenen Freak Train so lange zu beschleunigen, bis dessen Kessel explodiert und er unter Gitarrenfunken entgleist. Aus dem zurückbleibenden Dampf erklingen die ersten Töne des grandiosen He's Alright und zum Abschluss gibt es das unschlüssige Peeping Tomboy als Solostück auf die Ohren.
Dank frenetischem Beifall stehen die vier Männer jedoch gleich wieder auf der Bühne und geben neben Society Is My Friend, auch ein Cover von Downbound Train, das Bruce Springsteens Original zu keiner Sekunde hinterherhinkt, zum Besten. Den Schlusspunkt setzt In My Time und Kurt Vile bedankt sich sichtlich zufrieden bei einem tollen Publikum. Sweet Times!