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Foto: Katharina Bauer
José Gonzáles

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José González Im Theaterhaus

von Markus Kollmann

Am Ende wird José González bei seinem Konzert am 30 März im Theaterhaus alle Irrtümer beseitigt haben. Hat er?


Irrtümer sind da, um aus der Welt geschaffen zu werden. Sie hemmen den Gedankenfluss, sie führen auf falsche Fährten und haben selten ein gutes Ende. Und doch sind sie keinen falls Unnütz, denn durch einen beseitigten Irrtum, gewinnt das neu Entdeckte an Bedeutung.

Vielleicht ist es mit diesem Sachverhalt zu erklären, weswegen José Gonzáles auf einer Symphatiewelle schwimmt, wie sie wohl nur noch Jack Johnson übertreffen kann. Denn wer erstmals seinen Namen hört, der denkt nicht an schneebedeckte Berge, Elche oder Kottböllar. Auch seine bekanntesten Lieder sind ein Irrtum. Sie stammen nicht aus seiner Feder sondern sind Interpretationen von Massive Attack, Kylie Minogue oder The Knife. Dabei wurde letztere Band erst durch die Neuinterpretation des wunderbaren Songs Heartbeats richtig bekannt. Und wer dachte, dass José Gonzáles durch konventionelle Art, sprich durch Plattenverkäufe, berühmt wurde, der liegt auch hier erneut einem Irrtum auf. Denn tausende bunte Bälle brachten sein Lied auf alle Mattscheiben dieser Welt und damit in die Ohren der Zuschauer. Und aus diesen Ohren geht er auch nicht mehr hinaus. Es wäre zu einfach zu sagen José Gonzáles wäre durch diese Irrtümer bekannt geworden. Es ist vielmehr sein minimalistisches Gitarrenspiel und die sensible, entwaffnende Stimme, die sich von dem Rest des Genres abgrenzt. Seine Lieder besitzen eine ähnliche mystische Anziehungskraft, wie die eines Nick Drakes und gewinnen somit durch ihre spärliche Besetzung an Intention.

Wobei wir beim letzten und bedeutendsten Irrtum angekommen sind. Das José Gonzáles Konzert am 30ten März im Theaterhaus wird, wie für einen Singer/Songwriter eigentlich üblich, kein Solokonzert werden. Er wird mit Streichern aus seiner Heimat auf der Bühne sein, was seiner Musik eine neue Dimension in Verträumtheit und Schönheit geben wird.

Doch vielleicht irr ich mich auch.

Soweit klar und verständlich der Vorbericht und die darin enthaltene Vorfreude war, so zwiespältig und unvorhersehbar gestaltete sich das Konzert selber.

Der Teppich wurde also ausgerollt, auf dem es sich die Ohren gemütlich machen konnten. José Gonzáles, der mit seiner unaufdringlichen Stimme nie zu viel fordert und dennoch präsenter ist als alle schreienden Kollegen und das Göteborg String Theory, welches zum Erstaunen nicht nur aus einer kleinen Zahl an Streichern bestand, sondern sich mit 40 Mann und Frau um José gemütlich machen durfte. Nicht viel weniger als das Konzerterlebnis des Jahres schon im März stellte ich mir darunter vor. José Gonzáles wunderschöne Stücke, die zum Träumen anregen werden perfekt begleitet und die Streicher sollten die Ohren umgarnen, ihnen sanfte Melodien ins Ohr hauchen und das Gehirn zum Schmelzen bringen. Dem war leider nicht so! Eine ganz einfache Antwort zeigt auch warum.

Nein!

Die Frage dazu: Ist normalerweise eine Gitarre in einem Orchester vertreten?

Zwar war am 30 März im Theaterhaus kein ganzes Orchester vertreten, doch war es mit seinen etlichen Streichern, Bläsern und 3 verschiedenen Rhythmusabteilungen deutlich mehr als ein gewöhnliches Kammerorchester. Selbstverständlich kann ein Dirigent wenn es dem Stück dienlich ist eine Gitarre dazu holen, doch sogar eine Triangel ist in einem klassischen Orchesterstück öfter zu hören als eine Gitarre.

Letztendlich scheiterte das Konzept an dem zu großen Anspruch. Wie schon bereits erwähnt, konnte ich mir vorstellen, nein war nahezu sicher, dass es sich um das Konzerterlebnis des Jahres handeln würde. Das Gesamtarrangement war einfach zu perfekt um nicht damit zu liebäugeln. Doch ähnlich, um einen Vergleich aus dem Filmgeschäft heranzuziehen, wie bei Alice im Wunderland ist aus den stimmigen Puzzleteilen, wunderbares Märchen + Tim Burton + 3D-Animation, ein falsches Bild entstanden. Denn spätestens als die eigentlich unschuldige, süße Alice zum Drachentöter mutierte und dem Monster blutrünstig den Kopf abtrennte, war es zu viel des Guten. Ähnlich gestern Abend bei José Gonzáles, nur ohne Drachen und Blut, das wäre ja noch schöner gewesen. Doch der Reihe nach.

Es hatte alles so schön angefangen. Alleine betritt er noch die Bühne. Setzte sich auf den Stuhl, zu dem alle anderen Stühle orientiert sind, hin und hat dem Publikum nicht mehr als seine Stimme und Gitarre anzubieten. Dadurch wurde er berühmt und damit hat er alle Zuschauer in den großen Saal im Theaterhaus gelockt. Und nun soll ihn auch noch ein Orchester untermalen, wunderbar. Zum zweiten Stück kamen sie dann auch aus dem Dunkel des Lichts und nicht wenige setzen sich aufrechter hin und versuchten durch richtige Kopfhaltung das Maximum an Tönen in die Ohrmuschel gelangen zu lassen. Und zum ersten Mal meldete sich die Gänsehaut als die Streicher ansetzen. Ich war bereit als gerupfte Gans das Theaterhaus zu verlassen. Dass erst im fünften Stück des Sets ganz langsam die Enttäuschung wich, konnte ich noch nicht ahnen. Ebenfalls war es mir unvorstellbar und auch selten untergekommen, dass die eigentliche Hauptattraktion des Abends um die Aufmerksamkeit kämpfen musste. Das Orchester war perfekt auf einander abgestimmt. In den ersten vier Liedern spielten sie sich in einen Rausch. Die Geigen wurden von den Bläsern in der Melodiefolge abgelöst, dazu geleitet von den Drummern im Hintergrund. Die Glühbirnen an den Decken begannen zu vibrieren und der Dirigent bekam vor lauter Enthusiasmus nie zwei Beine gleichzeitig auf den Boden. Das neben diesem Derwisch mit imaginären Stöckchen noch ein schwedischer Junge mit Gitarre saß, bekam kaum mehr jemand mit. Brav versuchte er mit seinem Fingerpicking gegen die gewaltige Kraft der 40 Instrumente anzukommen, die von der atemberaubenden Akustik des Theaterhauses noch weit mehr und perfekt in Szene gesetzt wurde. Geschafft hatte er es in den ersten 20 Minuten nicht. Dies lag auch an der Tatsache, dass er nie ein Lied anstimmen durfte. Immer hatte er schon eine Wand gegen sich. Dies änderte sich mit Hand on your Heart. Mit diesem anbetungswürdigen Bassanschlag und den leichten Streicheransätzen kam zum ersten Mal so etwas wie eine Harmonie und Gesamtbild zu Stande. Und dann gleich was für eines. Der Raum füllte sich im wahrsten Sinne des Wortes mit Musik. Ohne Probleme griffen hier Gesang, Gitarre und Orchester ineinander und hinterließen weit mehr als nur Gänsehaut. Ebenfalls auf dieser Ebene wurde Teardrop zu etwas, was man seinen Enkeln noch erzählen könnte. Selbstverständlich muss der Musikjournalist Worte zu einem Erlebnis finden. Doch das gelingt in diesem Fall nicht. Zu allmächtig, zu schön, zu erhaben sind die Erinnerungen an dieses Stück. Wenn diese knappen 4 Minuten zu fassen gewesen wären, hätte ausnahmslos jeder im Zuschauerraum sich davon ein Teil mitgenommen und daheim anstelle des Fernsehers auf die Kommode gestellt, damit man sich bis zum Ende seinen Lebens an dem einen Augenblick nicht satt sehen kann.

An diesen Momenten muss sich ein Konzert messen lassen. Warum funktionierte die Symbiose nur für 2 Lieder? Warum ging das Gefühl nicht heraus, dass zwei, für sich grandiose Musikarten,  aneinander vorbeispielten? Diese Fragen muss sich José Gonzáles gefallen lassen.

Schlussendlich ist das Experiment auf hohem Niveau gescheitert. Darüber muss keiner traurig sein, doch kann man der verpassten Chance, etwas konstant Außergewöhnliches zu kreieren, ein wenig hinterher trauern. Gerade bei dem letzen Stück Storm wurde einem wieder bewusst, welches Potenzial hier zu holen war und teilweise leider liegen gelassen wurde.

Das Konzert des Jahres? Wurde der Musik eine Dimension verschafft? Für 10 Minuten. Über dem Rest lag ein Irrtum.