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Jónsiin derC-HalleBerlin

von Joscha Kollascheck

Island ist nicht nur die Heimat fieser Vulkane und Finanzkrisen, es bereichert auch seit einigen Jahren die Popkultur mit einer Reihe von Künstlern, die, so meint man, etwas von der isländischen Seele einzufangen vermögen und Freunde des vertonten Eskapismus mit musikalischen Perlen versorgen. Vergangenen Samstag stattete ein Vertreter dieser Spezies der C-Halle in Berlin einen Besuch ab. Kein Geringerer als Paradiesvogel Jónsi, Stimmvirtuose und Frontmann der legendären Sìgur Rós beehrte die Hauptstadt und hinterließ ein euphorisiertes Publikum. Aber irgendwie auch gemischte Gefühle.

Eingerahmt in ein aufwändiges, mehrdimensionales Bühnenbild tritt Jónsi zunächst allein vors Publikum - eine zerschlissene Rückwand, durch die windbewegte Pflanzen schimmern, sowie eine noch dahinter liegende Leinwand bildeten eine riesige Projektionsfläche. Flankiert von zusätzlich je zwei Monitoren am Bühnenrand bildete dies die Kulisse für die anstehende Reise in Jónsis Abenteuerland. In der Tat gibt es auf seinem ersten Solowerk "Go" viel zu entdecken. Das Album ist deutlich extrovertierter und energetischer als alles, was man bisher von ihm und Sígur Rós kannte. Animalischer sei es nach eigener Aussage. Live präsentiert er sich nun dennoch erstmal etwas zurückhaltender und leitet die Show mit einem wunderschönen kleinen Song auf der Akustikgitarre ein, sein Schlagzeuger gesellt sich zu ihm und begleitet ihn am Xylophon. Irgendwie erinnert Jónsi dabei in seinem fransenbehangenen Kostüm an eine Art isländischen Peter Pan.

Getragen von seiner vierköpfigen Band lässt er einem in den folgenden 75 Minuten keine Wahl, als in seine Welt einzutauchen. Intensive Momente folgen einander auf dem Fuß. Jónsi verzaubert in fliegendem Wechsel an Gitarre, Piano oder Xylophon, treibt mit für seine Verhältnisse ziemlich geradlinigem Vokaleinsatz farbenfrohe, fröhliche Uptempo-Songs wie "Go Do" oder "Animal Arithmetic" voran und sorgt auf "Tornado" mit seinem eigentümlichen Walgesang für die Art entrückter Seligkeit, die man von Sígur Rós gewohnt ist. Auch die Auswahl neuer Songs vermag sich problemlos in den Fluss einzufügen. Über die Projektionswände flimmert derweil allerlei Wildgetier. In skizzenhaftem Animationsstil jagt dort ein Wolf ein panisches Reh über die Schirme, eine Eule fleucht durch den Raum, bunte Schmetterlinge flattern, Heerscharen von Ameisen marschieren vorbei, Schnee stöbert und Farben flirren. Sehr schön das alles.


Damit ist aber noch nicht alles über den Abend gesagt. Die Liveumsetzung der Songs war insgesamt sehr gelungen, vor allem der Schlagzeuger konnte beeindrucken. Ein Wermutstropfen war vielleicht das Fehlen der Violinen. Jene streicheln eigentlich gerade "Kolniður" sanft zum Höhepunkt. Somit fiel dieser etwas weniger intensiv aus. Die C-Halle indes wurde ihrem Ruf als Backofen mehr als gerecht, wofür nicht nur die frühsommerlichen Temperaturen verantwortlich waren. Das Belüftungsproblem dieser Location sorgte schon vor dem Konzert für eine leichte Benebelung, die es erschwerte, sich für die enorme Reizflut, als die sich Jónsis Show entpuppte, zu öffnen. So hatte der Abend leider etwas allzu flüchtiges, da zwar kurzfristige Euphoriefeuerwerke wie "Go Do" wunderbar funktionierten, aber die sphärischer angelegten Stücke nicht richtig zur Entfaltung kommen konnten. Sie lösten sich zu Wasserdampf auf, bevor sie einen wirklich durchdringen konnten. Und das Potential dazu haben sie.


Obwohl Gedanken dieser Art auch beim abschließenden "Grow Till Tall" in meinem Kopf ihr Unwesen trieben - Jónsi tobte mittlerweile mit einem Federkopfschmuck wie berauscht über die Bühne - war ich hinterher überrascht, in welch tiefer Trance ich mich dann doch befunden hatte.