You don't build a city in a day
Im nagelneuen Substage in Karlsruhe bildet sich eine wahrhaft lange Schlange vor den Toren. Viele sind ohne ticket da und einige telefonieren aufgeregt und versetzen ihre Gefolgschaft in Hektik, damit sie es noch rechtzeitig schaffen. Als Carl Noren den musikalischen Abend beginnt ist allen Eintritt gewährt worden. Der Schwede, seines Zeichens Frontman bei Sugarplum Fairy, hat es mit seinen bedächtigen, stimmungsvollen Stücken nicht leicht. Die Besucher sind offensichtlich auf ganz anderes eingestellt. Ziemlich nervös gibt sich Carl auf der Bühne alle Mühe, setzt angestrengt den Hut und die Sonnenbrille auf und wieder ab, lässt beim Ausziehen die Gitarre fallen und findet erst am Ende die richtige Konzentration die es braucht um seine songs wirkungsvoll zu präsentieren. Dessen zum Trotz schallt durchgehend ein Lärmpegel aus den hinteren Reihen, wo man ihm kaum Beachtung schenkt und lieber noch seine Jacke zur Garderobe bringt. Auch Keyboard und Mundharmonika ändern da nichts. In den Ohren, in denen die Töne den Weg allerdings finden, wird stetes Gefallen daraus. Es bleibt der falsche Abend für diese Musik. Unveröffentlicht wird das Zeug wohl trotzdem nicht mehr so lange bleiben.
Auf dem kulturpegel umfangreich angekündigt, ist es dann nach recht langer Pause soweit und Johnossi starten mit voller Wucht. Nach wenigen Minuten wird es schweißig, eng war es die ganze Zeit ja schon.
Eine kurze Ruhephase durch Bed on Fire nutze ich um mich dahin zu begeben wo eben noch das Teenie-Moshpit war. Mit denen werde ich wohl noch fertig. Überhaupt sind hauptsächlich sehr junge Menschen gekommen, einige Fastdreißiger bilden die sprichwörtliche Randgruppe, stehen auch genau dort und nicken mit den Köpfen, während vor der Bühne die crowd gesurfed wird.
but in 20 years you should have something
Ich frage mich schon, ob denen klar ist, wie ernst und hart es textlich hier teilweise zugeht. In Stücken wie Mavericks findet man mehr Worte für Düsternis und Verzweiflung als in so manchem Gisbert-Song. Es sind oft derbe Ansagen in erdrückender Wucht, frei von jeglicher Romantik, Hoffnung oder Aussicht. Bed on Fire erzeugt ein so furchtbares Gefühl von Enge und Verlorensein, dass das folgende Worried Ground erschreckend erlösend wirkt.
Das ist es dann auch, das den Auftakt im Teenie-Moshpit bringt und bis zum Refrain von What’s the Point verliere ich fast einen Schuh. Stücke wie Execution Song holen einiges aus den Füßen und Ärmen der Besucher heraus und die Menge steht genauso wie die beiden auf der Bühne im Schweißbad. Ist doch schön, dass sich das substage das erhalten hat. Findet sogar John.
Obwohl auf dem Album unbedeutend und unsympathisch einfach gestrickt, gefällt mir heute No Last Call besonders gut, in dem sich jemand einredet, vom ausbleibenden letzten Anruf unberührt zu bleiben.
Und während all das passiert wird das substage beleuchtet von rasenden Stroboskopen und schwülstigen weißgrellen Scheinwerfern. Farbe bleibt aus. Die findet – wer sucht – nur in den durch griffige, durchdachte Melodien verfeinerten Liedern und der großen Hingabe der beiden Akteure.
Jetzt zur anderen Seite der Medaille. Ich kann es John fast nicht vorwerfen, da er Karlsruhe noch die Frage stellt, was es hören möchte. Aber dass Glory Days To Come auf der setlist fehlt ist ein unverzeihbarer Fehler. Ansonsten geht mir hier und da das durchdringend laute staccato des flirrenden Schlagzeugs auf die Nerven. Es ist nicht immer ausladend abwechslungsreich, was Ossi da so trommelt.
setlist
- Mavericks
- Dead End
- Bobby
- Party with my pain
- No last call
- Bed on Fire
- Worried Ground
- What's the Point
- Social Flu
- Things to do before you die
- Execution Song
- Man must dance
- 18 Karat Gold
- Press hold
- Roscoe
