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James Yuill Im Schocken

von Markus Kollmann

Die Frage war formuliert worden; die Antwort konnte eindeutiger nicht ausfallen. Kurz zurück zu dem Thema an sich, unter dem der Abend mit James Yuill gestanden hatte...

Was soll man also am 7ten Februar im Schocken tun? Mit dem Pärchen, welches vor einem steht mitkuscheln während James die Gitarre holt und es sich auf dem Hocker gemütlich macht? Oder soll man die neusten Dance-Moves ausprobieren, die 2 Abende davor noch so toll im Keller Klub funktioniert haben? Vielleicht sollten wir zu dem Unwort Folktronica ein neues erfinden und die Aktivitäten des Publikums so beschreiben: Cuddledance oder Hugboogie. So oder so wird es ein spannender Abend werden bei dem wir uns der Musik widmen sollten und schauen was mit uns passiert.

Findige Sympathisanten des Londoners konnten am Montagabend die Frage auch schon ohne einen Ton gehört zu haben beantworten. Denn auf der Bühne war kein Hocker zu sehen. Kein Platz zum Rasten für den dickbebrillten James. Natürlich hätte man argumentieren können, dass er seine Balladen, die sich ohne jeden Zweifel auf seinen beiden Alben befinden, mit dem Mikro in der Hand und langsam schreitend ohne Hocker hätte vortragen können. Aber solche Sachverhalte gehören in die ARD oder auf die nächste Ü30-Party, aber nicht in den Schocken. Das Durchschnittsalter hier zu bestimmen wäre ohnehin äußerst schwierig gewesen. Zum einen weil sich das Publikum vom tanzenden Indie-Kid bis zum schunkelnden Rotweinsteher als sehr unterschiedlich herausstellte und zum anderen weil das Schocken voll war. Dass dies bei Konzerten an einem Montagabend in Stuttgart nicht unbedingt der Fall ist, musste ich die letzten Wochen mehrmals resignierend feststellen. Doch viele waren gekommen um den musikalischen Schubladenspringer Yuill zu sehen.

Kaum war er auf der Bühne, mussten die schmusenden Pärchen unter ihnen auch schon den nächsten Dämpfer verkraften. „Oh mein Gott da ist ja kein Hocker und zu dem ganzen elektronischem Wirr-Warr auf den Tischen gesellt sich auch noch ein Laptop.“ Das dieser nicht schon vorher dort stand, sondern vom Interpreten höchstpersönlich aufgebaut wurde, kann leicht nachvollzogen werden. Wenn man in der fabelhaften Welt des James Yuill lebt. Diese mag zunächst ungewöhnlich aussehen, wird auf Konzerten aber zum greifbaren Erlebnis. Dazu einige Auszüge vom Konzertabend im Schocken.

20 min bis zum Auftritt: (aus der Sicht des Roadies) James sitzt an seinem Mac und geht noch einmal seine Videokunst durch, die er später auf die Leinwand werfen wird. Zufrieden stellt er fest, dass an jedes kleine Detail gedacht wurde und sogar die kleinen Filmchen mit dem Papierschiff und dem blauen Ballon dabei sind.

1 min bis zum Auftritt: (aus der Sicht von James Yuill) Der Weg durch das Publikum bestreite ich nicht sonderlich gern. Mein Platz ist hinter meinem aufgeklapptem Apfel. Deshalb verschwinde ich auch, kaum auf der Bühne angekommen, wieder hinter diesem um die etlichen Mischpulte mit ihm zu verbinden. Die Gitarre brauch ich jetzt zuerst mal nicht. Puh, sind aber echt viele Leute da. Ich hoff es merken nicht alle, dass ich aufgeregt bin. Nach den ersten Minuten weiß ich sowieso kaum noch, dass ich auf der Bühne steh. Also, noch einmal tief durchatmen, jetzt ist es soweit…

Set 1: (aus der Sicht des Erzählers)„Guten Tag, my name is James Yuill“ werden die Wissenden dennoch begrüßt. Und unter ihnen scheinen auch erstaunte Gesichter zu sein als die Musik anfängt. Die Gitarre hat James schon mal weggelegt, sie wird später zum Einsatz kommen. Im Augenblick steht er gebückt über den Regler und Tasten und verschanzt sich somit hinter den Tischen vor den neugierigen Blicken. Diese sollten lieber auf der Leinwand positioniert werden, während dort Visuals die Augen überfordern. Doch hinter rotierenden Blumen, übergroßen blauen Ballons und zuckenden Strichen verbergen sich seine Hände und manchmal auch sein Gesicht. Denn unter verwirrend schnellen Lichtblitzen soll man den Mann dahinter sehn. James versucht gegen das Image anzukämpfen, welches elektronische Musik unweigerlich bekommt, wenn sie gehört wird. Er will die Kälte und Distanz die entsteht, durch Gitarrenmelodien wärmer machen und die oft nichtssagenden Hintergrundbilder mit seinem Gesicht und seinen Händen zum Leben erwecken. Deswegen unterbricht James auch das zweite Lied und greift zu seiner Gitarre, damit die Zuhörer im Tanzrausch nicht davon driften. Er freut sich als sie mitsingen und dennoch hat er es lieber wenn sie tanzen und sich von seinen punktgenauen Breaks zum Abgehen inspirieren lassen, denn mit dem Instrument wird er unweigerlich in den Mittelpunkt gestellt. Dennoch verabschiedet sich James mit dem unfassbar schön interpretierten Frozen von Madonna.

Set 2: (aus meiner Sicht) Das kann es doch nicht schon gewesen sein? Nach gefühlten 5 Minuten ist das erste Set schon vorbei und James Yuill will von der Bühne runter. Sich verstecken, damit keiner merkt, dass er noch eine Zugabe spielen wird. Kann er aber nicht. Das bemerkt er auch recht schnell und ist ohne viel Zugabe rufen unsererseits wieder am Mikrofon. Ich denke ihr habt noch Lust auf ein paar Lieder, wird von dort gesprochen. Richtig gedacht. Eigentlich habe ich mich auch eher auf einen gemütlichen Abend eingestellt, doch die elektrisierende Musik die von den Reglern runter schallt, lässt weder mich, noch sonst jemand kalt. Vielmehr sieht man des Öfteren wild tanzende Menschen und wie hypnotisiert taumelnde Gestalten. Und so ist es auch kein Wunder, dass seine Platten auf der Tour alle ausverkauft sind und man sich mit dem Liveerlebnis begnügen muss. Ist aber nicht weiter schlimm, denn James Yuill gehört hinter die Regler und hinter seinen Mac. Das müssten alle begriffen haben.

10 min nach dem Auftritt: (aus der Sicht des Pärchens) Er: Und wie fandest du es so? Sie: Hmm… habs mir anders vorgestellt. Er: Ja, war ganz schön viel so elektronisches. Sie: Jaja. Er: Und was machen wir jetzt? Sie: Könnten ja die Indielove auflegen und bißchen kuscheln. Er: Ja, ok!