Zwischen Flädle und Spätzle treffen sich Bag Raiders, Peaches und aUtodiDakt
auf der Jägermeister Wirtshaus Tour in Stuttgart
Zu Anfang muss ich es schreiben, man kann es ja auch nicht verleugnen. Der Abend des 19ten Maies stand ganz im Zeichen eines Wortes: Jägermeister. Früher als Pennergetränk verhöhnt und abgestempelt, aber durch Aktionen wie die Wirtshaustour oder die Rockliga zu einem Kultgetränk aufgestiegen, welches auf keiner hippen Party mehr fehlen darf. Deswegen will ich mich hier auch nicht noch mehr in Lobhuldigungen stürzen, doch wer ein Event dieses Ausmaßes mal eben nach Stuttgart bringt, der verdient Anerkennung und zumindest Zuspruch von allen Seiten. Dies sei hiermit erledigt. Schauen wir uns als nächstes die Fakten an, die das Calwer Eck zu sprengen drohten.
Angeblich sind Texte dramaturgisch so zu gestalten, dass zu Beginn eines solchen der Spannungshöhepunkt stehen sollte. Angeblich ist das Calwer Eck auch eine ganz normale Kneipe. Und angeblich ist in Stuttgart gerade überhaupt nichts los. Über die letzte Aussage ist auf jeden Fall Streitpotential vorhanden. Die beiden vorigen kann man in einem, Einleitungs-Bauernfänger-Satz verbinden: Als ich, eigentlich schon völlig durchnässt, einmal mehr von Peaches‘ Wasserpistolenstrahl auf der Calwer Eck-Bank getroffen wurde, durchstach mich ein leises Gefühl der Zufriedenheit, dass im Laufe des Abends beinahe in Ekstase endete.
Na bitte, da hab ich euch. Wieso nun also ein Kulturpegel-Redakteur, der nicht unbedingt als Feierbiest berühmt ist, in einer Stuttgart Eckkneipe in erster Reihe die Fassung verliert? Schauen wir mal.
Dass dies am 19ten Mai im Calwer Eck kein normaler Feierabendbier-Abend werden würde, hat auch der Besitzer des neuen japanischen Restaurants, der Nachbar der obigen Kneipe, erfahren müssen. Und so versuchte er durch Bonsaiverrücken am Eingang seines Esslokals die Menschentraube die eigentlich gar nicht zu ihm wollte in geeignete Richtungen zu verlagern. Von ihm weg, also. Dies gelang nicht unbedingt zur vollen Zufriedenheit, doch war der Menschentraubenspuk auch schon nach einer halben Stunde vorbei und er und seine Sushi-essende Kundschaft konnten aufatmen, denn die wilde Horde hatte sich, vorbei an den Gästelisten nach oben verfrachtet. Und dort erwarteten sie zu aller erst einmal Kneipenspiele. Zwei Dinge retteten die nach Großeltern klingende Tatsache; zum einen gewann jeder, der sich gegen seinen Kontrahenten durchsetzte einen, es tut mir sehr leid für diese angelsächsische Entgleisung, Free-Shot und zweitens bekam man die auch so. Alles in Butter also. Ebenfalls ist mir Tischtennis in einer nicht gerade für große Räumlichkeit berühmten Eckkneipe auch neu. Und so schoben sich die Massen, wobei Massen hier das falsche Wort ist, weil der Veranstalter darauf achtete, dass keiner unter Klaustrophobie leidende es mit Stirnschweiß zu tun haben musste…. wo war ich jetzt? Ach ja, es war angenehm uneng. Keine Samstagabend-Schocken-Verhältnisse also. Deshalb wurde die klopfende Aufforderungsgeste am Kicker, Dart, Jenga und eben am Tischtennis auch nicht zum Problem. Sogar heiße Mäxle-Duelle wurden sich rund um die Platte geliefert.
Bis die Bag Raiders die Bühne eroberten und klar machten, dass es nun mit dem gemütlichen Spieleabend vorbei sein würde. Einleitend kann man sagen, dass sie der perfekte Auftakt für die eigentliche Rubbeldikatz, die Peaches noch veranstalten würde, waren. Mit ihren elektronischen, drumlastigen Beats brachten sie die Menge nicht gerade auf die Barrikaden aber immerhin zum Tanzen. Gequetscht in eine Ecke des Calwer Ecks standen die beiden Australier nebeneinander hinter ihren Drums und man musste unweigerlich an das Safri-Duo denken. Diese Vermutung wurde auch nicht gerade vom ihrem Look in den Wind geschossen. Doch wollen wir uns nicht auf das Äußerliche konzentrieren, dafür ist ja Peaches da, sondern beschäftigen uns mit ihrem Sound, der unglaublich schwer zu greifen war. Denn hinter elektrische Beats war diese glasklare Stimme zu hören, die weniger zu einer Indigruppe sondern vielmehr zu Dieter Bohlen passen würde. Hört sich definitiv vernichtender an, als es war. Doch daran schied sich eben der Auftritt, der zum einen zum Tanzen aufforderte und dies auch mit seinen Drumeinlagen tat, welche zu den Schönheiten des Auftritts zählten; und zum anderen an den Gesangseinlagen scheiterte, die um Gottes Willen nicht schlecht waren, aber in diesen Kontext nicht unbedingt hineingezwängt werden konnten. Ebenfalls interessant ist auch zu sehen, das Bands, wie Empire of the Sun, The Naked and Famous und eben Bag Raiders nun aus dem Windschatten von MGMT hinaustreten, diese aber bei weitem noch nicht überholen können. Man wird sehen, was aus dieser spannenden Richtung noch kommen mag. Das sahen auch überwiegend die Jägergäste so und konnten nur gelegentlich das Tanzbein auspacken, doch gerade bei Shooting Stars und Way Back Home konnte man sich schon einmal warm machen.
Auf das, was kommen möge. Wie ein Raubtier tigerte Peaches schon während dem Auftritt der Bag Raiders hinter den Boxen und dem Mischpult hin und her und man konnte in ihren Augen schon die Konzentration des finalen Sprunges sehen. Dass sie sich dabei schon 2 Stunden vor ihrem DJ-Set perfekt in Schale geschmissen hatte, wunderte keinen, der sie so sah. Es gibt nicht wenige, die annehmen, dass sie schon so zur Welt gekommen ist. Zur ungewohnt späten Stunde wurde sie dann raus gelassen, die Menschen zum Tanzen zu bringen. Und diese ließen sich nicht bitten und sofort wurde die Tanzanarchie eingeläutet. Was auch nur im Geringsten nach Tanzfläche aussah wurde erobert. Egal ob Boxen, Banklehnen, Tische sowieso oder die Bühne selbst. Alles wurde von der sich bewegenden Masse eingenommen. So hatten es sich die Veranstalter vorgestellt; die Kneipe sollte umfunktioniert werden zu einem Tollhaus; Bier sollte spritzen; Menschen sollten sich der Musik hingeben. Und so ist auch gekommen. Dass man sich dagegen nicht wehren konnte und vor allem auch nicht dagegen wehren durfte, sollte klar sein und sah auch jeder so. Wobei nicht wirklich jeder; den Security-Leuten wurde das Treiben nach einer halben Stunde zu bunt und verwiesen die Wilden, die nun so genannt werden konnten, von der Bühne und den vordersten Reihen. Für mich völlig nachvollziehbar und auch in einem Maß, bei dem anständig weiter getanzt werden konnte. Dass die Stimmung explodierte, bemerkte dann auch Peaches und schickte wohlwollend Wasserstrahlen zu den Wilden, die zum Teil nass bis auf die Knochen, sich in engem Drängen wieder trocken tanzten. Die elektronischen Klänge von der grandiosen Peaches ließen es zu, die Wilden fügten ihren Teil bei und als ich, eigentlich schon völlig durchnässt, einmal mehr von Peaches‘ Wasserpistolenstrahl auf der Calwer Eck-Bank getroffen wurde, durchstach mich ein leises Gefühl der Zufriedenheit, dass im Laufe des Abends beinahe in Ekstase endete.