Well the day is never done, but there's a light on where you're sleeping - so I hope somewhere that troubles will be gone.
Die Sehnsucht setzte eigentlich bereits am nächsten Tag ein. Wieder waren sie viel zu schnell vorbei, die drei Tage gediegenster Festivalromantik auf dem Haldern Pop Festival. Drei Tage, gefüllt mit tollen Konzerten, der einen oder anderen Überraschung, Alkohol, Seifenblasen und Ansteckrosen. Seltsam eigentlich, dass einen beim Blick zurück dann doch gleich die Sentimentalität ergreift, war doch die Athmosphäre auf diesem meinem zweiten Haldernbesuch nicht so entspannt wie im Jahr zuvor. Das ehemals abgetrennte Biergartenareal vor dem Spiegelzelt, das dem eigentlichen Bühnengelände vorangeht, wurde mit dem Großraum Dixie- und Fressmeile zusammengelegt, das man nunmehr erst nach einem ausgedehnten Securitycheck passieren durfte. Vielleicht erwarten einen dort im nächsten Jahr Nacktscanner und RFID-Implantat statt des hübschen Festivalbändchens.
Dieser neue Checkpoint erschwerte es leider, am ersten Festivaltag nach den Anreisestrapazen in die ersehnte haldernsche Heimeligkeit eintauchen zu können, da das Gelände bereits scheinbar ungeplant stark besiedelt war und die Eröffnungskonzerte nur im wunderschönen, aber doch etwas klein geratenen Spiegeltent(sic) stattfanden. Für den Abend standen große Namen wie Seabear und Beach House auf dem Programm, die man sich kaum entgehen lassen wollte. Mit diesen hätte der Veranstalter stimmungsmäßig eigentlich ein glückliches Händchen für den Auftakt bewiesen. Wenn denn die eine Hand gewusst hätte, was die andere im Schilde führt. So war es leider gnadenlos überfüllt und allerorts hieß es: warten. Am Eingang, am Poptalerwagen, am Bierstand. Um ins Zelt zu gelangen, hätte man wohl bereits mittags sein Lager vor dem Eingang aufschlagen müssen. Nun begnügte man sich damit, sich im Biergarten auf den Rasen zu fläzen und die Konzerte auf der Leinwand anzuschauen. Das vermittelte einem zwar schon irgendwie den Eindruck, dabei zu sein, hinterließ aber gleichermaßen ein Gefühl der Unbeteiligtheit und wenig stimmungsvollen Berieselung. So ähnlich, als wenn man nachts auf einem Regionalsender bei den schönsten Bahnstrecken Europas hängenbleibt. Irgendwie albern wirkte dann auch der vereinzelt aufkommende Applaus nach den Songs, der auch schnell wieder verstummte, so als fühlte sich der Applaudierende in seinem Klatschreflex peinlich berührt. Im Nachhinein ist es daher etwas schade, Beach House nicht direkt live erlebt zu haben, deren verträumte, nostalgische Popsongs eben Musik für geschlossene, erhitzte Räume sind und das Spiegelzelt diesen einen würdigen Rahmen geboten hätte. Ins Farbenspiel der bunten Fenster getaucht, durch die das letzte Licht der untergehenden Sonne strömt. Hachja.
Der Freitag wurde mangels Interesse für das Nachmittagsangebot relativ spät mit den letzten Takten des Detroit Social Club auf der Hauptbühne eingeläutet, die allerdings wenig imponierten. Anschließend an Ort und Stelle geblieben, denn nun war ein Überraschungsact angekündigt. Man munkelte über Belle and Sebastian, einer der Veranstalter habe dieses Gerücht verbreitet, wusste unsere Zeltplatznachbarschaft. Natürlich durfte auch der Halderner Running Gag Wilco bei der Spekulation nicht fehlen. Aber leider kam es noch schlimmer. Die Bühne betrat Singer/Songwriter-Newcomer Philipp Poisel, dessen gefühlvoll-authentische Texte, seine direkten Gitarrenriffs und unverwechselbare Stimme, mich nach den ersten Songs mit hochgerollten Fußnägeln zur Flucht zum Spiegelzelt trieben. Später wurde ich dort im Übrigen Zeuge einer ernsthaften Diskussion darüber, ob nicht vielleicht Arcade Fire die Überraschung sein könnten.
Die süße Laura Marling bot nett arrangierte Folk-Songs, hinterließ mit ihrem dünnen Stimmchen bei mir allerdings wenig Eindruck. Nach kurzem Zeltplatzaufenthalt pünktlich vor der Bühne wieder eingefunden, betraten nun Mumford&Sons die selbige. Im letzten Jahr noch das Spiegelzelt beglückt, mittlerweile zu Publikumslieblingen avanciert, lieferte die Folkrock-Kombo um Marcus Mumford einen starken, wenn auch vielleicht etwas sehr souveränen Auftritt ab und wurde ordentlich abgefeiert. Ihre Songs, die von Fleet Foxes-Chören getragen und einem Bläsertrio begleitet eigentlich auf den immer gleichen Effekt eines euphorisierenden Höhepunktes zusteuern, funktionierten live fantastisch und rissen das Publikum gnadenlos mit.
Getoppt wurde dieses Hochgefühl allerdings gleich im Anschluss von Jungspund Zach Condon, der als Beirut mit einer sechsköpfigen Band im Hintergrund seine Interpretation traditioneller osteuropäischer Volksmusik darbot – in wunderschöne, elegische Popsongs gekleidet. Offensichtlich etwas angeheitert, übersprang er direkt im ersten Stück versehentlich einen Teil, nahm es aber mit Humor. Glücklicherweise fand er im Anschluss wieder in die Spur und spielte sein Set, gelegentlich unterbrochen von gelallten Dankesbekundungen, relativ professionell zu Ende. Störend war das sowieso nicht. Eher ein angenehmes Lebenszeichen im Kontrast zum perfekten Mumford-Autritt.
Kaum war die letzte Trompete geblasen, tönte auch schon wieder Arcade Fires The Suburbs aus den Bühnenboxen. Auch wenn die Kanadier sich wider Erwarten nicht als die mysteriöse Überraschungsband entpuppten: sie waren allgegenwärtig. Bitter, wie man sich ein eigentlich so schönes Album an einem einzigen Wochenende überhören kann. Aber das nur am Rande.
Zum Abschluss des Bühnentages waren dann noch Serena Maneesh so nett, der verbliebenden Publikumstraube binnen Sekunden das Hörvermögen zu rauben. Die norwegische Shoegazekapelle mit dem Erscheinungsbild einer J-Rock-Band überzogen das Haldern mit einem Noisegewitter, das das Raum-Zeit-Kontinuum kurzfristig aus dem Gleichgewicht brachte. Plötzlich waren überall die Jutebeutel verschwunden, keine Seifenblase verschleierte mehr den Blick auf den Sternenhimmel. Stattdessen tanzte neben mir ein Mittfünfziger im Seventies-Discooutfit, daneben ebenso verzückt ein Typ im Bademantel. Weiter vorn gab das zuckende Stroboskoplicht den Blick auf einen pfeiferauchenden Rollstuhlfahrer preis. Der Wahnsinn.
Ziemlich zermürbt von diesem Erlebnis danach noch kurz im Zelt den entrückten Thus: Owls gelauscht, für das Gedudel von Junip dann keine Kraft und Muße mehr gehabt.
Letzter Festivaltag. Vormittags leichte Verschleißerscheinungen. Zeit mit Gossip über die Zeltnachbarschaft überbrückt, die das Wochenende oldieshörend beim Dartspiel, am mitgeschleppten Kickertisch und biertrinkend am mondänen Bistrotisch verbrachte. Auf dem Bühnengelände wurden sie nicht ein einziges Mal gesichtet.
Portugal. The Man spielfreudig wie eh und je. Leider mittlerweile fast schon zu oft davon überzeugt worden, weswegen ihr Auftritt keine Überraschungen bot. Leider wurde ihnen die Bühne nur für läppische 40 Minuten überlassen, die sie allerdings mit einer feinen Auswahl ihres langen Hitkatalogs wunderbar auszufüllen wussten. Songs wie The Sun sind ohnehin schwer totzuhören.
So war der Alaska-Export ein wunderbarer Einstieg in den so vollgepackten Samstag.
Im Anschluss trompeteten Fanfarlo vorbei. Mit einer Handvoll beschwingter Nummern im Gepäck, die sich wunderbar als Hintergrundbeschallung eigneten, im Gras liegend mit dem ersten Bier des Tages in der Hand unbewusst dem ein oder anderen Schunkelimpuls nachgebend.
Bei Frightened Rabbit kurz eingeschlafen, schnell rüber ins Spiegelzelt. Mit The Low Anthem dort eine wundervolle Dreiviertelstunde verlebt. Der Folk-Vierer aus Rhode Island tauchte den Raum in eine beinah andächtige Stimmung. Es wurde fleißig aus der Americana-Schatztruhe geschöpft, bei anrührenden Akustikstücken mit mehrstimmigem Gesang wurde man davongetragen und wünschte sich bei knisterndem Lagerfeuer ans Mississipiufer. Die traditionelleren Arrangements erweiterte man durch den Einsatz von u.a. Klarinetten und aufheulenden Sägeblättern. Toll auch der Bon Ivereske Falsetteinsatz. Lediglich die vereinzelt eingeworfenen, scheppernden Rockstücke litten für mich unter dem aufgesetzt röhrenden Reibeisengesang. Dennoch ein sehr schönes Konzert.
Sehr Stimmungsvoll dann Efterklang auf der Hauptbühne. Die liebenswürdigen Dänen lieferten mit ihren luftigen und farbenfrohen Songs den Soundtrack zum Sonnenuntergang, bei dem man sich sogar am unaufhörlichen Seifenblasenbombardement erfreuen konnte.
Erneut die Wanderung zum Spiegelzelt angetreten und den Entspannungspegel von draußen bei den Klängen des Bear in Heaven stabil gehalten. Wieder zurück zur Bühne, noch kurz Sophie Hungers Schmerzensschreie ertragen, guten Platz gesucht, auf den Tallest Man on Earth gewartet und dabei wahrlich nicht einsam gewesen. Der gute Mann ist berechtigterweise ziemlich populär. Beim Betreten der Bühne stellte sich der schwedische Dylan zwar eher als Hänfling heraus, beeindruckte aber mit riesiger Stimme und Bühnenpräsenz. Darüber, dass er nur lächerliche 35 Minuten ran durfte, schien er ebenso enttäuscht zu sein, wie das Publikum, das nach Ende seines tollen Sets abrupt seinem Zauberbann entrissen wurde.
Schwer zu sagen, was dann bei Dan Deacon im Spiegelzelt vor sich ging. Dieser etwas verschrobene Zeitgenosse, dessen gemütliches Äußeres eher ins Klischee des IT-Guys als in die Rolle des Elektroavantgardisten passt, sorgte jedenfalls für mächtig gute Laune und massierte die inzwischen wundtrompeteten Gehörgänge mit Soundteppichen voll rasender Beats mit Animal Collective-Vibe. Das war in etwa so, als würden Slayer beim Musikantenstadl auftreten. Trotz seines kurzen Sets startete er sogar einen verdammten Dance-Contest. Großes Entertainment.
Dass es sich für die Herren von The National bei Entertainment hingegen um ein Fremdwort handelt, sollte einem bewusst sein, wenn man mal ein Ohr in ihr Werk riskiert hat. Allzu deutlich wurde dies bei ihrem Auftritt. Sie hatten mit argen Soundproblemen zu kämpfen, die Frontmann Matt Berninger, dem Gegenentwurf einer Rampensau, mit halbgaren Anekdötchen zu überbrücken suchte. Eine echte Geduldsprobe. Den hartnäckigen Problemen geschuldet, verloren Songs wie Slow Show oder Conversation 16 jedwede Magie. Sehr schade, denn bislang hatte ich den Sound von der Hauptbühne weitestgehend als ausgesprochen differenziert wahrgenommen.
Also wurden schon nach einem knappen Drittel des Sets die Beine in die Hand genommen, um sich gute Plätze fürs Abschlusskonzert der Whale Watching Tour im Spiegelzelt zu sichern.
Hinter diesem Pseudonym verbirgt sich, von einer Ausnahme abgesehen, der versammelte Kader des isländischen Labels Bedroom Community, ergänzt durch vier Gastmusiker. Entsprechend eng war es auf der Bühne, als The National gegen halb 3 endlich fertig waren und die Suche nach Moby Dick beginnen konnte. Federführer des Kollektivs war der Pianist Nico Muhly, der zuvor noch ein kurzes Gastspiel bei The National hatte und – nebenbei bemerkt – mitverantwortlich ist für die Arrangements auf Platten von Jónsi, Bonnie 'Prince' Billy und Grizzly Bear. Mit zarten 29 Jahren. Die Künstler der Bedroom Community haben musikalisch per se nicht viel gemein: die Bandbreite bei Valgeir Sigurðsson, Sam Amidon und Ben Frost reicht von minimalistischen Folksongs bis zu apokalyptischen elektronischen Soundscapes. Gerade dadurch ist dieses Projekt so interessant. Ein Künstler stimmte eins seiner Stücke an, das dann unter Muhly als Dirigenten durch den Einsatz der Anderen zu einem mitunter schwer greifbaren Klanggebilde verwoben wurde. Besonders beeindruckend waren dabei die ohnehin großartigen Werke von Frost und Sigurðsson. Ein tolles letztes Konzert, dass nicht nur der Physis an die letzten Reserven kratzte.
Und das nächste Haldern kommt bestimmt.
Weitere Information zum Festival findest du hier: http://haldern-pop.de/