von Stefan Haug
Neu formiert haben sich Escapado und überzeugen mit aktuellem Album Montgomery Mundtot. Vom wiedererlangten Selbstbewusstsein kann man sich nun auf der Tour zum Album umhauen lassen. Diese führte die vier Nordlichter am 16.11. auch ins Juha-West in Stuttgart.
Lässige Location. Das Juha-West ist wirklich ein Jugendhaus. Ist man so nicht gewohnt als Veranstaltungsort. Aber man ist schon richtig, das erkennt man schon an den Leuten, die sich davor, darum und darin versammeln. Aber warum sind eigentlich diese ganzen Leute mit vorwiegend Seitenscheitel, Piercings, Hornbrille, Flesh Tunnels, karierten Hemden und engen Hosen hier? Grund ist eine neue alte Band, die sich erneut beweisen möchte. Escapado aus dem Norden sind da. Mit neuem Album, neuem Sänger, neuem Bassisten, neuem Selbstbewusstsein, einem alten Van.
Und die fangen gleich mal kompromisslos an. Petenwell eignet sich auch Live als hervorragende Eröffnung. Ich bin dir fremd, ich weiß es, doch wer wird deinem Anspruch schon gerecht - der neue Sänger Felix brüllt in sein Mikrofon und verzieht dabei jede Miene. Du willst mich scheitern sehen - wollen vielleicht manche tatsächlich, tut hier heute aber keiner. Der neue Song ist eine Abrechnung an die Zweifler die vollends einschlägt. So wie Felix, Helge ist längst vergessen. Er fegt über die Bühne, schreit in die Menge. Schaut verdutzt, schaut böse, schaut verstört, schaut zweifelnd. Aggressive Performance - meine lieben Leute, das ist Hardcore. Im kleinen und publikumsnahen Juha-West kommt das sogar alles total authentisch. Es ist authentisch.
Als zweites schellt Komando Mosfest hervor und gleich ist klar, dass auch die alten Songs in neuer Besetzung ankommen. Und so ganz neu ist die ja dann doch auch nicht. Ja klar, Bassist Johannes ist auch noch neu dabei und macht seine Sache aber auch gut. Dahinter drückt aber immernoch das altbewährte Schlagzeug und das erhabene, technisch versierte und hochwertige Gitarrenspiel von Sebastian ist auch noch dabei. Der schichtet aufeinander und aufeinander. Die Hand oder den Fuß immer an den Effektgeräten. Jagt Melodien durch den Raum und spielt für mindestens zwei sowohl alte als auch neue Songs. All die Lieblinge sind dabei, von Magnolien bis Verbindung. Aktuelles Material dominiert aber selbstverständlich großzügig. Das ist aber nicht schlimm - zündet das doch genau so gut. Zumindest feiern die jungen Kids vor der Bühne diese raue Energie gewaltig, der Rest staunt lieber. Heute Abend etwas öde vielleicht, das Stuttgarter Publikum. Ändert sich aber noch.
Der ruhige Mittelpart von ColdBlackDeathBloodMurderHateMachine wird ausgereizt, nur um am Ende noch kräftiger zuzupacken. Deine Hand wird zur Faust. Sänger Felix findet sich in der Menge wieder, das Mikrofon vor den Gesichtern der Anwesenden. Nicht das erste Mal heute Abend ist er das, ist es das - aber ein erstes und letztes Mal bricht Stuttgart nun richtig aus. Gezeichnet ist danach der letzte Song. Die aktuelle Single ist kurzatmig und wütet um sich. Gut für den vorläufigen Abschluss. Der kommt erst nach zwei Zugaben.
Das Konzert beweist, Montgomery Mundtot sind Escapado keineswegs, damit beendet die wohl relevanteste und beeindruckendste deutschsprachige Hardcore Band der Gegenwart aber engültig ihr Set. Beifall dafür - Einstand geschafft. Patient lebt - und wie.
Die Vorband Juvenalis
Oftmals als Last angesehen gehören Vorbands doch eigentlich schon gehört. Manche lassen sie dennoch absichtlich links liegen, andere finden richtig Feines unter den zum Anheizen Verdammten. Juvenalis aus Karlsruhe sind sowas Feines. Bei Escapado im Juha-West sind sie mit dabei. Haben diesen Platz als Vorband eingenommen. Und wachsen darüber hinaus. Ein Beamer schickt Videos auf eine Leinwand, das Sextett einen auf Reise. Progelemente findet man, Klaviereinlagen, seltsame Sounds, Hardcoreanleihen, deutschsprachigen Schreigesang, Atmosphäre. Das Set dazu gleicht einem ewigen Song, Unterbrechungen gibt es keine - dafür wirre Soundcoulagen, die alles miteinander verbinden. Sowas knallt man nicht einfach hin. Hinter sowas steckt mehr, es ist durchdacht. Und dann auch noch technisch hochwertig interpretiert. Manche Vorbands machen es der nachfolgenden schwer. Juvenalis aus Karlsruhe sind so eine. Muss man empfehlen.

