Wenn Deichkind kommt, steht die restliche Welt still.
Das mit dem bösen Blitzlicht wie Kollege Manuel es bei Boy in Karlsruhe gepredigt bekommen hat, musste ich mir in der Schleyerhalle auch mehr als einmal anhören. Aber bis ich erst mal den Abzug meiner Kamera drücken durfte, gab es noch ein paar Baustellen zu bewältigen.
Für mich persönlich begann das Konzert nämlich schon am Sonntag Abend, als bei Spiegel TV eine kleine Reportage kam: Deichkind Backstage! Da zeigte sich das Fernsehen einmal von seiner coolen Seite. Wobei eine anderer Sender ja schon Leider Geil verwursten durfte. Naja im Spiegel TV Beitrag ging es um das Erlebnis Deichkind, das was ich euch versprochen habe aufzufangen. Man zeigte die Fans wie sie verkleidet und völlig durchgedreht ihren Weg auf das Dortmund Konzert fanden. Alle angemalt, alle bereit zur Eskalation. Dortmund halt. Später im Beitrag gab es wie immer das neutrale bis negative Gerede von einer Flucht aus der Gesellschaft und das die Jugend von heute eh nur noch ans Saufen und Party machen denkt und daher der massive Erfolg Deichkinds stamme. Ich bin 26. Und ich find es auch geil mal die Welt Welt sein zu lassen. Kann sich ja nicht jeder mit Vuvuzelas bewaffnet bei Wullfs Zapfenstreich hinstellen.
Nun die erwähnten Kostüme in diesem Beitrag ließen mich frohlocken: wir werden wohl nicht die einzigen in Stuttgart sein. Denkste! Im Laufe des Abends fanden sich vielleicht 30 weitere verkleidete Menschen ein, was im Vergleich zu 3500 „normalen“ Besucher sich leicht deplatziert anfühlte. Auch deplatziert fühlte ich mich mit meiner kleinen Kamera, im Vorraum mit den anderen, wartenden Fotografen. Das Who-Is-Who der Musikmagazine gab sich die Ehre in Form von Rolling Stone, Musikexpress und wie sie nicht alle heißen. Selbst SWRs Jugendradio DasDing war am Start und dreht ein Video. Der kleine Kulturpegel Fotograf stand nicht mal auf der Liste des Veranstalters, bekam aber trotzdem einen Fotopass. Yeah!.Dann die Foto-Bedingungen: 1. Song nur von der Seite knipsen. 2. Song komplett den Zeigefinger auf dem Auslöser lassen. Song 3: wieder raus.Also keine Blitzorgie bei Deichkind.
VJ Wasted zeigte die letzten Videos auf der Leinwand, welche die Bühne verdeckte und Stuttgart ging da schon steil. Schon mal erlebt, dass die Audienz bei einfachen Musikvideos kollektiv abfeiert? Das geht nur bei Deichkind. Und so fühlte es sich auch an. Eine unfassbare Feierwut packte einen, völlig egal ob auf der Bühne gleich ein Feuerwerk oder belangloses Nichts kommen würde. Hauptsache Spaß haben.
Das Licht ging aus, das Tetrahedon fing an. Und es packte Einen. Die Atmosphäre. Die überschwappende Vorfreude auf das gleich Geschehende. Ich erwischte mich selbst dabei, wie ich mitbrüllte und eigentlich mit tanzen wollte. Und so geschah nach der Lüftung des Vorhanges tatsächlich eine besondere Form der Eskalation. In 2 ½ Stunden wird uns Deichkind zeigen wo der Partyhammer hängt.
99 Bierkanister stellte die ominösen Omnipods vor, welche sich als verschiebbare Säulen herausstellten und in allen Ecken was passierte. Zu Dicker Bauch, welches neben anderen Klassikern nun einen neuen Beat bekommen hat, wurden die Aerobic-Geräte rangeschafft und 3 bis 15 Leute auf der Bühne strampelten sich einen ab. Bei Bück Dich Hoch wurde mit Roll- und Bürostühlen ein Wettrennen auf der Bühne veranstaltet und die Egolution wurde in Form einer bunten Sonnenbank zelebriert. So absurd sich alles anhören mochte: die neue Show funktioniert. Lieb gewonnene Utensilien wurden aber natürlich nicht weggesperrt, sodass Papillon wie in der Vergangenheit seine Regenschirm Choreographie bekam und auch ein armes Gruppenmitglied bei 23 Dohlen an die Hallendecke verfrachtet wurde.
Wie aus einem Guss wurden alte und neue Lieder verknüpft, dass einem keine andere Wahl als Tanzen blieb. Doch als erstes großes Highlight wurde Leider Geil frenetisch gefeiert und auch auf den wenigen Sitzplätzen gab es kein halten mehr. Für meinen Geschmack hab ich das Lied aber einmal zu oft gehört. Das Lied schloss auch den ersten Konzertblock von vieren. Denn Block Nummer 2 wurde leicht romantisch: Herz aus Hack, Der Mond und Luftbahn ließen die erhitzten Gemüter ein wenig abkühlen und zeigte die poppige Seite von Deichkind. Wer bitte schön hat jemals eine Ode an seine Metzgereiverkäuferin gehalten? (Helge Schneider zählt nicht, bei ihm war es die Wurstfachverkäuferin.) Manche Band würden töten, um nur halbwegs die Qualität an Elektro-Pop hinzubekommen, wie sie die Hamburger in ihren Liedern haben. Illegale Fans schloss den zweiten Block. Kurzer Blick auf die Uhr: 16 Lieder in 90 Minuten. Nicht schlecht. Was wird denn da noch mehr kommen? Übertrumpfen sie sich? Denn es kam...
Ein Fass.
Nichts geringeres als ein Fass. Nach dem eher langweiligem Oldschool Trio bestehend aus Reimemonster, Bon Voyage und Komm schon, wurde das Fass reingerollt. Stellt euch ein übergroßes Fass vor in dem 3 Leute sitzen und einer obendrauf, getragen von 6 starken Männern. Habt ihr im Kopf? Gut. Genau das wurde durch die halbe Schleyerhalle geschleift und alle sollten ihm huldigen. Gebongt, machen wir!
Kaum einmal geblinzelt und schon wurde das Fass silberfarben und The Power Of Love wurde im Medley zusammen mit Hört ihr die Signale geschmettert. Selbstverständlich sangen alle mit. Wer immer noch Kräfte hatte durfte zum derben Bass von Limit und dem alles niederwalzenden Remmidemmi alles geben. Dann war auch wirklich Schluss. 150 Minuten reinste Party wurden mit dem Outro und der roten Kiste beendet.
Für andere war die Party wohl noch nicht vorbei, denn sowohl am Ausgang als auch bei der Garderobe hätte es fast Schlägereien gegeben. Eine äußerst negative Form der Eskalation, die dem rundum gelungen Abend ein wenig ankratzte.