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Deer Tick

Deer Tick

Deer Tick

Deer Tick Monarch Berlin

von Joscha Kollascheck

Am Kotti, inmitten dessen, was gemeinhin als sozialer Brennpunkt bezeichnet wird, einst berüchtigt als Drogenumschlagplatz und Schauplatz von Bandenkriegen, tat sich in den Abendstunden des 22.9. ein Zeitloch auf. Verantwortlich dafür war eine Bande von Rock'n'Roll-Nostalgisten aus Rhode Island, alle wohl noch in den frühen Zwanzigern. Aber der Reihe nach.

Als Berliner begibt man sich eigentlich gern auf gelegentliche Streifzüge entlang des Kottbusser Tors. Es ist ein heruntergekommener und trostloser, aber lebendiger Ort. Ein Ort trüber städtischer Romantik, um den der Gentrifizierungstrend einen Bogen macht.
Das Monarch ist ein kleiner Club im ersten Stock eines Gebäudes, das ebenso die Türkische Gemeinde Berlins und einen Uro-onkologen beheimatet. Der Zugang über einen schäbigen Treppenhauseingang wäre leicht zu übersehen, würde das Monarch nicht auf seiner Website auf den Dönerimbiss von nebenan verweisen. Gemütliche Athmosphäre mit Sitzecken, Bar in der Raummitte unter obligatorischem Kronleuchter, am Ende des Raums eine winzige Bühne. Ziemlich cool: Fensterfassade mit Blick auf den U-Bahnhof. Während des ganzen Abends immer wieder bange Blicke zum über mir hängenden, bedrohlich schlackernden archaischen Ventilator.
Den Anfang machte dann Caitlin Rose, eine Folksängerin aus Nashville, die sich etwas unnahbar gab, die Augen unter dem Pony versteckt hielt und mit einer Mischung aus Niedlichkeit und Coolness Countrysongs übers Highschooldasein und Schwangerschaft zum Besten gab. Als ihr Verstärker kurz versagte, sprang sie kurzerhand ins Publikum und machte unplugged weiter. Imponierender Auftritt.
Kurz darauf betraten Deer Tick das Bühnchen. Ursprünglich als Soloprojekt John McCauleys entstanden, nachdem er auf einer Wanderung von einer Rehzecke gebissen und von dieser mit Songwritertalent und Countryvirus infiziert worden war, bis er über den Freak-Folk Dunstkreis um Jana Hunter und Viking Moses mit seiner Debutplatte War Elephant an die Öffentlichkeit gelangte, hat er mittlerweile eine Bande Gleichgesinnter um sich geschart. Aus der Zeit gefallene Typen.
Los gings mit einem Song, der nicht aus dem Deer Tick-Repertoire stammte, aber ohne weiteres als solcher durchgehen würde, gefolgt von Choirs of Angels, dem ersten Song der neuen Platte. Die Jungs hatten sichtlich Spaß an ihrer Masche. McCauley ließ seine Reibeisenstimme röhren und flirtete fleißig mit der Damenwelt, auch wenn Gitarrist Ian aus Massachussetts, ein ähnlicher Charmbolzen, Typ junger Bob Dylan, ihm das Feld nicht ganz kampflos überließ. Aber auch miteinander hatten die zwei eine Menge Spaß. Ian durfte sich darüber freuen, während seiner Soli abgeleckt zu werden und einen Gitarrenhals am Rektum zu spüren. Das dicht vor die kleine Bühne gedrängte, durchaus zahlreiche Publikum, legte seine erst verhaltene Stimmung ab, geriet in Bewegung und steigerte sich sukzessive zur ausgelassenen Tanzveranstaltung. Teilweise wenigstens. Wenige Augenblicke nach Beginn des Auftritts waren jedenfalls die Fenster beschlagen. Der erste Teil des Sets war noch vom typischen Deer Tick-Sound geprägt, einer Americana-Melange aus Blues und rockigem Folk mit wunderbaren Melodien aus McCauleys bemitleidenswerten Stimmbändern. "Klassiker" wie Easy und Ashamed hatten dabei natürlich eine Daseinsverpflichtung. Es wurde dann aber mehr und mehr gejammed, bis man sich plötzlich in Rock'n'Rollnahen Gewässern befand und eine höllencoole Abgehnummer nach der anderen aus der Mottenkiste zauberte. Ab und an schimmerte das Blaulicht vorbeifahrender Polizeiwagen durch die  vernebelten Scheiben, aber die Realität war fern. Für Stimmung sorgte auch der bereits gut betrunkene Drummer: obligatorischer Bauchansatz, leichtes Aufmerksamkeitsdefizit – jede Chance, ein Solo einzustreuen, wurde ergriffen. Der Bassist indes glänzte vor allem durch seine Hingabe zur bedingungslosen Lässigkeit und lehnte die meiste Zeit entspannt am Verstärker. Sind eigentlich alle Bassisten so? Irgendwann war es dann nach zwei oder drei Zugaben plötzlich vorbei. McCauley beendete das Treiben mit einem beherzten Sprung ins Drumset. Zurück im Leben, wankte man noch mit leichtem Jetlag von der Zeitreise glücklich nach Hause.