Crippled Black Phoenix unternehmen auf ihrer Myspace-Seite einige Anstrengungen, um sich von all dem abzugrenzen, was sie nicht sind. Oder nicht sein wollen. Ein schwieriges Unterfangen im Angesicht der musikalischen Vorgeschichte der (ehemaligen) Mitglieder, die in Projekten wie Mogwai, Teeth of Lions Rule the Divine, Portishead, Gonga oder bei den grandiosen Electric Wizard mitwirkten. Ehemalig deshalb, weil sich die Zusammensetzung von Crippled Black Phoenix beständig ändert, was für Verwirrung sorgt und einen Beitrag zur Mythenbildung um die Band leistet.
Dass es sich bei Crippled Black Phoenix aber um eine Art Supergroup aus Postrock und Doom-Größen handelt, ist nicht zu leugnen. Kopf der Band ist Justin Greaves, den der Job als Schlagzeuger von Electric Wizard offensichtlich nicht genügend auslastet, sodass er seine musikalischen Visionen seit 2004 als Teilzeitphönix realisiert.
Der Erstling A Love of Shared Disasters (2006 aufgenommen) ist dem Thema Liebe gewidmet und der Hörer begibt sich auf eine Reise in Traumwelten, die sowohl durch den sensiblen Einsatz zarter Streicher und gefühlvoller Gesamtarrangements als auch durch dröhnende Gitarren und strukturiertes, dominantes Schlagzeugspiel gezeichnet werden. Auch auf dem neusten Werk I, Vigilante (2010), hier mit dem Leitmotiv Krieg, finden sich beeindruckend ausgeklügelte Klangverästelungen, sodass sich Vergleiche zu Pink Floyd und King Crimson förmlich aufdrängen.
Am 8. Mai war es dann so weit und man konnte die Band im Festsaal Kreuzberg live erleben. Doch zunächst sorgten die Master Musicians of Bukkake für orientalische Stimmung im Herzen Kreuzbergs. Der geschmackvolle Bandname sorgte vor allem am Merchandise-Stand für Geschmunzel, auch wenn die Musiker wahrscheinlich niemals in den Top 10 der Emma-LeserINNEN landen werden. Die Master Musicians trugen Beduinen-Gewänder und Sonnenbrillen und die einzelnen Songs, die gern auch mal die 10-Minuten-Marke knackten, waren durch Samples von Wüstenwind, Glöckchen und Kameltreibern durchzogen, dazu erinnerten die dramatischen Posen des Sängers mit Glitzerhandschuhen und einem Flattertuch an eine stoppelbärtige Bauchtänzerin. Eine höchst unterhaltsame Show. Und irgendwie auch gut. Nur wusste man zwischendurch nie so recht, ob man das musikalisch jetzt auch tatsächlich ernst nehmen kann, denn das Bild einer Horde gitarrespielender Beduinen lenkte zu sehr ab.
Gegen 22 Uhr quetschten sich dann die nunmehr acht Männer und Frauen von Crippled Black Phoenix auf die nicht allzu groß geratene Bühne des überschaubaren Festsaals. Sie begannen ihr gut zweistündiges Set mit dem Titel Troublemaker der I, Vigilante-Platte. Und sofort war ich begeistert vom hohen Niveau, das die Musiker, die ihrer Musik mit der Bezeichnung Endtime Ballads eine eigene Schublade gebaut haben, an den Tag legten.
Es ist nicht immer ein Qualitätsmerkmal, wenn eine Band live genauso wie auf der Platte klingt, denn ein Sound, der zu clean ist, kann schnell langweilen. Doch in diesem Fall haben Crippled Black Phoenix trotz anfänglicher, technisch bedingter Soundprobleme ihr musikalisches Können, ihre Virtuosität und ihr harmonisches und perfekt aufeinander abgestimmtes Zusammenspiel unter Beweis gestellt. Das Oktett kommunizierte rein über die Musik und benötigte weder Gestik noch Worte, um sich Einsätze oder ähnliches anzuzeigen. Die Phoenixe standen trotz der räumlichen Nähe vereinzelt, ja beinahe isoliert auf der Bühne und bildeten doch eine perfekte Einheit. Sänger Joe Volk wirkte zunächst durch seinen Lockenkopf und sein schelmisches Dauergrinsen wie ein Lausbub, der soeben beim Kirschenklau aus Nachbars Garten ertappt wurde. Und begann dann von Liebe, Vergänglichkeit, Leidenschaft, Tod und Begehren zu singen, als säße ihm die Apokalypse direkt im Nacken. Sein Gesang war flehend, treibend, hoch emotional und nahm schnell gefangen. Crippled Black Phoenix spielten einen sorgsam abgestimmten Mix aus ihren bisherigen Alben und bewiesen mit Fantastic Justice, Burnt Reynolds und We Forgotten Who We Are ihr Talent zur Komposition von Titeln mit epischer Schlagkraft. Die doomigen Passagen, durchsetzt von bittersüßem Pianospiel, waren packend und ergreifend, immer wieder begleitet von einer betörenden Violine. Und hierbei gerieten die gefühlvollen Passagen tatsächlich nicht zu kitschigem Ballast. Vielmehr wirkte das Violinenspiel nach den sich dramatisch steigernden, dröhnenden Gitarren und Schlagzeugstürmen versöhnend. Einziges kleines Manko war das Journey-Cover Of a Lifetime, bei dem das Mikro von Joe zur Pianistin Daisy wechselte. Inwieweit die Musiker diese Darbietung ernst meinten, ist rätselhaft, ruft der Song bei mir doch stets Assoziationen von cowboystiefeltragenden Ruhrgebietsprolls mit Vokuhila-Frisuren hervor. Die kreischenden 80er-Hair Metal-Gitarrensoli sind einfach zu viel.
Meine persönlichen Highlights waren 444 , bei dem der Saal in rotes Dämmerlicht getaucht war und man von der ekstatisch fiedelnde Geigerin in andere Sphären getrieben wurde und die 20-minütige Zugabe mit dem sperrigen Titel Time of Ye Life/Born for Nothing/Paranois Arm of Narcoleptic Empire, die ein würdiges Finale des Konzertes darstellte.
Crippled Black Phoenix haben an diesem fantastischen Abend überzeugt und sich durchaus von ihrer musikalischen Vergangenheit freigespielt. Die Identitätsfindung ist abgeschlossen. Dieses Konzert der Endzeitballaden riss den Hörer in einen Strudel tragisch-dramatischer Gefühle tief hinab, um ihn gleich darauf in zuckerwattene Wolkengebilde zu betten. Dieses Konzert glich einer Art kathartischer Gruppentherapiesitzung und war so viel mehr als ein Konzert, das ganz gut war.