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CocoRosie

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Beatboxkirmes mit CocoRosie

von Markus Kollmann

CocoRosie sind wieder in der Stadt bzw. in den Hallen (Wagenhallen) und wollen ihre Gefolgschaft verzaubern und entzücken. „Hereinspaziert, hereinspaziert, das hat die Welt noch nicht gesehn!“

Jahrmarktgefühle kommen auf wenn man an der Industriebrache Wagenhallen sitzt und sich das bunte Treiben draussen anschaut. Lachende Gesichter ächzen nach Unterhaltung, orientalische Klänge schallen aus dem portablen Mini-Verstärker, ruhigere Artgenossen labben sich in der Sonne und eine kleine Freakshow ist sogar auch da: eine Gruppe Mädchen mit Bärten. Wobei diese natürlich nur aus dem Schminkkästchen stammen und in gegebenem Kontext auch nicht auf besondere Verwunderung stoßen.

Drinnen dreht sich das Karussel noch sehr stockend. Macht aber nichts, es ist schließlich erst eine Viertelstunde nach offiziellem Konzertbeginn, und noch eine Menge Zeit die Visiuals einzustellen. Zu den Klängen von Akon und Alishia Keys dreht es sich dann. Vielen wäre eine Vorband wohl lieber gewesen als eine grausige SWR3-Playlist. Die kommt aber nicht und der Feierabendsoundtrack geht weiter. Vielleicht wollten CocoRosie den höchstmöglichsten Kontrast zu ihrer Musik erzwingen. Von Plastik-Pop kann hier wahrlich nicht die Rede sein. Vielmehr ist es ihnen tatsächlich gelungen neue Musik zu erschaffen. Was Björk (ja, der Name muss leider fallen) oder auch Animal Collective zwanghaft versuchen zu kreieren, ist den Casady-Schwestern fast mal nebenbei gelungen. Und allein schon diese Tatsache zollt großen Respekt.
Unter großen Kinderaugen an der Wand kommen dann CocoRosie mit ihrer Gefolgschaft auf die Bühne. Bianca mit einer gewagten Kombination aus NYPD-Kappe und reizendem Kostüm und ihre große Schwester Sierra mit langem weißen Kleid und einem großen Lächeln auf den Lippen. Sowieso ist Sierra die Aktivere auf der Bühne. Bei ihren Gesangseinsätzen gestikulieren ihre Hände als ob sie auch noch den letzten Zuschauer in der hintersten Ecke von ihrer Stimme überzeugen wollte. Das muss sie allerdings gar nicht. Sie füllt den Raum mit ihrem omnipräsenten Organ derart, dass man sich wünscht das nächste Album sollte live eingespielt werden. Nebenher schwingt sie sich federleicht zu ihrer Harfe oder wischt den Bühnenboden wie ein Derwisch mit ihrem Schal nur um im nächsten Augenblick den Pianisten Gael Rakotondrabe  mit wildem Haare wehen zur Höchstform zu treiben. Ja, die eine Hälfte des Schwesternpaares hatte Spaß und Leidenschaft. Rosie hat man ihre Lust angesehen. Doch zum Vollständigen, dies deutet nicht nur der Bandname an, fehlt noch die andere Hälfte.
Coco für ihren Teil hat es sich auf ihrem einen Quadratmeter bequem gemacht. Nichts kann von der
Lebensenergie auf der linken Bühnenhälfte zu ihr rüber schwappen. Fast lustlos bedient sie eine ganze Reihe von Blasinstrumenten nur um dann wieder an ihren Reglern zu verschwinden. Natürlich steckt in ihrer eher weinerlichen Stimme nicht der Bombast ihrer Mitstreiterin, allerdings scheint sie froh zu sein vom Mikrofon weggehen zu dürfen um die Songs zu untermalen. Ganz kurz blüht sie doch noch einmal auf, als sie sich auf ein Klatschspiel wie in jungen Jahren einlässt, doch auch hier wirkt alles zu inszeniert um wirklich überraschendes zu bieten. Auch das Publikum lässt sich teilweise von dieser Lustlosigkeit anstecken. Anderst ist es nicht zu verstehen, dass zwischen den Liedern ein Geräuschpegel herrscht wie in einem Bierzelt. Und so ist es der Beatboxer der die Menge wach rütteln darf und dies auch eindrucksvoll tut. Er muss bei seinem 5-minütigen Solo wohl irgendwo in seinem Bauch ein Turntable versteckt haben.
Nun ist die Halle doch wieder ein Jahrmarkt und die Schausteller auf der Bühne wissen damit umzugehen und zünden am Ende ihres Auftritts gluckernde Electrobeats die hüpfende Anhänger finden. Zu diesem Zeitpunkt ist eine gute Freundin von mir schon gegangen, die mit den drastischen Worten „Ich habe keine Lust mehr auf Coco Moco“ den Ausgang suchte.
Alles muss und kann man bei dieser Karusselfahrt namens CocoRosie nicht verstehen, dies macht auch gerade den Reiz an ihrer Musik aus, doch man darf bei aller künstlerischen Inszenierung die Leidenschaft nie aus den Augen verlieren.