„Aber dann frag ich Sie, warum sind ihre Bücher auf der Bestsellerliste?“ „Na weil Heinis wie du sie eben kaufen!“ Da war sie wieder in Hochform, die Charlotte. Kontert perfekt auf eine, man kann sie provokant nennen, ich beharre auf dumme Frage, mit einem Hauch von Selbstironie und Wahrheit, dass es den Fragesteller beinahe aus seinem Sitz haut. Das war allerdings bei weitem nicht den gesamten Abend so:
Im T2 im Theaterhaus wartete man am 27ten September auf das Erscheinen der Protagonistin, Autorin und Selbstinszeniererin Charlotte Roche und starrt unweigerlich auf die großen Aufsteller, die den Rednertisch auf dezente Art umkosen. Natürlich sieht ein einzelner Tisch auf der großen Bühne etwas verloren aus und eine Lesetour ist nun mal nichts anderes als eine schöne Art der Werbung; aber ein blinkendes Neonschild, 2 Meter über dem Pult mit der Aufschrift: „Kauf mich, Kauf mich!“ hätte auch schön ins Bild gepasst.
Und plötzlich hört man eine Stimme. „Meine Damen und Herren, bitte begrüßen sie die umwerfende, gebildete, schön aussehende…“ und so weiter und so weiter. Man meint schon, der Ansager hätte einen Volkshochschulkurs in „Grundlagen des Umgangs mit schmückenden Adjektiven“ besucht, da merkt man es ist Charlotte selbst, die sich nicht gerade bescheiden den Zuschauern vorstellt. Allerdings noch hinter dem Vorhang. Sonst hätte man ja ohnehin gewusst, dass es kein Ansager mit Volkshochschulkurs sondern Charlotte ist. Man frägt sich unweigerlich, muss sie sich selber ansagen? Will keiner im Theaterhaus sie vorstellen? Schließlich ist im T3 eine Lesung von Thea Dorn am laufen. Muss auch diese sich selbst vorstellen? Oder bastelt man im Moment am Spielplan mit Cavewomen und co? Schneller als man sich Fragen überlagen kann, gehen sie einem auch wieder aus dem Kopf, als man Frau Roche in ihren Hochhakern anstolzieren sieht. Dass sie auf so etwas laufen kann, hätte man ihr nicht zugetraut. Und auch die Föhnwelle sitzt.
Zunächst wird einmal in ihrem eigenen Wortschatz erklärt was eine Lesung überhaupt ist und die obligatorischen Schmeicheleien an Stuttgart dürfen auch nicht fehlen. Bloß, man kauft es ihr ab! Ehrlich und offen hat sie sich schon immer präsentiert, nur ist zwischen dem Auge und Charlotte nicht mehr eine Mattscheibe oder Plasma sondern Luft und man kann sich kaum von ihrer Art lösen. Sie könnte Effie Briest rückwärts gurgeln, es hätte immer noch ganz großen Unterhaltungswert. Umso erstaunlicher ist es dann doch, als sie sich zwischen die Werbebanner quetscht, aus ihrem Buch laut vorliest und man das Gefühl nicht verwischen kann, dass sich die Stimmung und Lacher deutlich zurückgenommen hätten. Natürlich gibt es einzelne Juchzer wenn das Wort Hodensack fällt und erstaunte Ohhs wenn zwischen Arschloch und vorigem geleckt wird. Selbstverständlich ist ihr Buch auf gleiche Weise tief traurig und komisch, doch was an diesem Abend an die Hörer gelangen soll ist die humoristische Seite. Diese will nicht richtig ankommen. Und so ist auch eine der ersten Fragen aus dem Publikum, was sie mit ihren Büchern bezwecken will, Komödie oder Drama, unter dem Hintergrund, dass die Zuschauerin das Buch als bedrückend empfand. Darauf weist Charlotte in einem seltsamen schwachen Moment darauf hin, dass in jeder traurigen Passage auch ein Witz eingebaut wäre und dass sie gern zu ihr nach Hause kommen würde um ihr die spaßigen Stellen mit einem Marker zu unterstreichen. Das war als Witz gedacht. Keiner lacht.
Wer nun denkt, dass es sich um einen bedrückenden, ja fast peinlichen Abend gehandelt hat, liegt allerdings weit daneben. Beinahe jede kleine Anekdote außerhalb des Schoßgebete-Kosmos zündet sofort und man weiß nie genau wie ernst sie das Erzählte meint und ob es sich so zugetragen hat. Doch gerade die Kunst des Unvorhergesehenen und der trockene, unbekümmerte Erzählstil machen aus der eigentlichen Lesung eine Comedy-Gala, um in Worten der Fernsehsender zu sprechen. Egal ob es um die Leistengegend von Matze Knop, den Kleinkrieg mit der Bild-Zeitung oder ihre eigenen Kinder geht, immer sind es die besseren Augenblicke und unvorhergesehenen Lacher. Deshalb teilt sich der Abend auch grob in zwei Abschnitte: die Schoßgebete-Lesung und die lustige Hälfte, in der man Fragen stellen darf und in der sich Charlotte sichtlich wohler fühlt. Man wägt sich an alte Momente zurück, bei denen sich Frau Roche mit Musikern unterhielt und nichts als eine Tasse Tee, ein Sofa oder auch mal eine drehende Flasche genügte um für beste Unterhaltung zu sorgen.
Und so kann man abschließend im Endeffekt und schlussendlich um zum Punkt zu kommen sagen, dass Charlotte Roche im Theaterhaus am 27ten September selbst die Attraktion war. Schoßgebete war nur so ein beiläufiges zu erzählendes Etwas. Aber man ist schon gespannt was sich Frau Roche als Nächstes ausdenkt, nach ihrer Moderationstätigkeit und dem Versuch Bücher zu schreiben. Es ist auch völlig egal, wir werden auf jeden Fall wieder da sein. Denn es handelt sich schließlich um Charlotte Roche.