Wenn sich Bands dazu entschließen nach mehrjähriger Pause wieder auf Tour zu gehen, so steht das nicht immer unter einem guten Stern. Zu häufig fehlt es den gealterten Musikern an Elan, die stimmlichen Leistungen lassen nach und obendrauf haben solche Reunions oftmals den faden Beigeschmack einer Mischung aus Geldmangel und Midlifecrisis... Doch dass es auch anders geht, haben Bush am 9.11.2011 im Huxleys bewiesen.
Die zu Anfang der 1990er Jahre gegründete Band Bush stammt aus London und ihre Mitglieder können zu Choriphären der alternativ-melancholischen Rockmusik gezählt werden. Mit ihren Alben Sixteen Stone, Razorblade Suitcase und The Science of Things füllten sie nach dem Ableben der Grunge-Ikone Kurt Cobain die entstandene Lücke und trafen den Nerv der MTV-Generation. Radiosender und Musikfernsehen unterstützten die vier Briten dabei tatkräftig und sorgten für Heavy Rotation ihrer Singles Everything Zen, Swallowed und Glycerine. Für ihren kommerziellen Erfolg mussten sich Bush aber immer wieder rechtfertigen und die Millionen verkaufter Tonträger kratzten an dem alternativen Image der Band. Sie galten als die Boyband des Grunge, was nicht zuletzt an dem charismatischem Sänger Gavin Rossdale lag. Auf ihn waren die Kameras der Boulevardpresse gerichtet und seine wechselnden Techtelmechtel mit diversen Rockpopsternchen wurden dokumentiert und öffentlich diskutiert.
Ab dem Jahr 2001 lief die Bubblegum-Grunge-Karriere dann nicht mehr ganz so glatt. George W. Bush wurde Präsident des Landes, aus dem die Musiker bisher die meiste Unterstützung erhalten hatten. Der Bandname geriet zur Stolperfalle. Für das damals neuste Album Golden State war die Auskopplung Speed Kills geplant, welche im September veröffentlicht werden sollte. Zeitgleich ereignete sich jedoch in New York das Drama um 09/11, sodass die Single umbenannt wurde in The people that we love. Und auch das Albumcover, das zunächst Flugzeuge abbildete, wurde noch im Eilverfahren geändert. Danach wurde es ruhig um die vier Briten. Es gab eine Platte des Nebenprojektes Institute und eine Soloplatte von Rossdale, wobei das Eintagsfliegen ohne Fortsetzung blieben. Bis zu der Ankündigung der neuen Platte The Sea of Memories mit welcher Bush nun in Europa unterwegs sind.
Der Abend in Huxleys Neue Welt wurde von Evaline eröffnet, die bereits die Deftones, Dredg und Placebo mit ihrem Indierock supporteten. Das Set der sechs Californier war solide, das Schlagzeug und die Percussions abwechslungsreich und die atmosphärisch-angehauchten Parts der letzten Titel zeitweise sogar spannend. Allerdings konnte der geistesabwesend ins Mikro säuselnde Sänger Richard Perry stimmlich nicht so recht überzeugen, auch wenn er sehr motiviert über die Bühne tanzte. Evaline waren ein ganz netter Opener, mehr aber auch nicht. Die sich im Saal ausbreitende Ungeduld und Vorfreude auf Bush dürfte aber auch ihr Übriges dazu beigetragen haben, dass der Funke nicht so richtig überspringen wollte.
Als dann Bush die Bühne betraten, starteten sie mit ihrer neuen Single The Sound of Winter. Damit machten sie es sich nicht leicht, denn das Publikum bestand zum Großteil aus Fans, die sicherlich mal in die neue Platte hineingehört hatten, aber im Grunde ihre Hymnen der 90iger hören wollten. Viel Nostalgie lag in der Luft. Daher konnte auch erst der zweite Titel Little Things die Masse so richtig bewegen. Die verhaltenen Reaktionen gegenüber den neuen Songs zogen sich durch den gesamten Abend und sie funktionierten live auffallend schleppend. Vielleicht ist Songschreiber Rossdale mittlerweile zu ruhig geworden. Das neue Album The Sea of Memories ist deutlich glatter als die alten Scheiben, von Schrammel- oder gar Noisegitarren kann kaum noch die Rede sein, alles wirkt sehr wohlgeordnet und leider überproduziert. Hier und da gibt es einige Breaks und die Songs She’s a Stallion und The Heart of the Matter können noch am ehesten den einstmals rauen Charme transportieren. Aber auch diese Titel klingen zu glatt und die Kanten fehlen.
Glücklicherweise waren aber die Livequalitäten an diesem Abend alles andere als weichgespült. Das Konzert im Huxleys könnte als ein Paradebeispiel an energiegeladenem und harmonischem Spiel gelten. Gavin Rossdale suchte permanenten Kontakt zu den Zuhörern, was sogar so weit ging, dass er den Titel The Afterlive aus dem Publikum bzw. von den diversen Emporen und Bars des Huxleys performte und munter mit den Fans aus den ersten Reihen im Takt hüpfte. Und dabei überzeugte er trotz des schweißtreibenden Umhergeturnes im Saal durch stimmlich glänzende Leistungen. Zwischen den Songs folgten immer wieder Monologe voller Danksagungen, die im lauten Jubel des Publikums untergingen. Das für mich herausragendste Wiedererkennungsmerkmal der Band, der rau-melancholische Gesang, kam besonders bei Swallowed und Glycerine gut zur Geltung. Und hier waren die Gitarren auch wieder dreckig und dröhnten passagenweise vor sich hin, untermalt von akzentuiertem Getrommel. Schlagzeuger und Gründungsmitglied Robin Goodridge hatte ebenfalls sichtlichen Spaß an dem Bühnenrevival und schwang mehrfach seine Sticks dirigentengleich durch die Luft, um das Huxleys zum Mitsingen zu bewegen. Das Publikum ging begeistert darauf ein, die Band strahlte und der Chor der Grungehymnen löste Gänsehautfeeling aus. Das war zwar kitschig, ganz zu schweigen von dem ballermann‘esken Mitgeklatsche, aber trotzdem schön und ansteckend. Auch die beiden neueren Mitglieder, Chris Traynor an der Gitarre (ehemals Helmet) und der Bassist Corey Britz, gehörten definitiv dazu und freuten sich über die Reaktionen des Publikums.
Sympathisch war auch das Beatlescover Come Together, dass die Band unter lauter stimmlicher Beteiligung des Publikums als Zugabe spielte. Generell hatte man zeitweilig das Gefühl, man befände sich in einem Chor. Der Abend endete schließlich mit einer ausgedehnten, basslastigen Version von Comedown, bei der sich die Band durch verspieltes und jamsessionartiges Spiel gebührend verabschiedete und welche dazu beitrug, dass dieser Auftritt einen Platz in meinen persönlichen Konzerthighlights bekam.