Jaja, für ein Konzert mal eben 200 Kilometer zurückzulegen, sollte wohl überlegt sein. Nachher ist es doch nicht so großartig und befriedigend, wie man es sich davor vielleicht ausgemalt hatte oder einfach viel zu schnell vorüber. Und schon ist man wieder auf dem langen, niederschmetternden Heimweg und in Gedanken bei all den Dingen, die man an diesem Abend hat ausfallen lassen. Solch trübe Gedanken kamen mir zum Glück nicht, als verkündet wurde, dass Will Wiesenfeld im kalten November das schöne Städtchen Heidelberg besuchen würde, um im Karlstorbahnhof sein neuestes Projekt namens Baths vorzustellen. Der Grund dafür ist hellblau, wiegt etwa 180 Gramm, trägt die Aufschrift Cerulean, dreht sich seit Anfang August unaufhörlich in meinem Zimmer und scheint dabei nicht müde zu werden.
Ja wirklich, selten kam ein Debutalbum so leichtfüßig und ungezwungen daher. Hier hüpfen, stolpern und stampfen Beats jeder Gewichtsklasse durch atmosphärische Soundlandschaften und werden auf ihrem Weg begleitet von kindlichen Voice Samples oder einem poppigen, verzerrt-zerbrechlichen Gesang. Als wäre es das Natürlichste der Welt vermischt Wiesenfeld HipHop-Beats, Electronica und Pop zu einer wunderbar erfrischenden Mixtur, die man sich anders zubereitet gar nicht vorstellen kann oder mag.
Hinter den Scheiben wummern schon die Platten des DJs, als wir beim Karlstorbahnhof im nächtlichen, kalten Heidelberg ankommen. Schnell noch die leckeren Käsebrote vom Bahnhofsstand um die Ecke verdrückt und nichts wie rein in die warme, gemütliche Stube.
Eine Vorband war nicht angekündigt. Gegeben hat es sie trotzdem. Nur konnte man einen Namen nicht so einfach in Erfahrung bringen. War auch nicht weiter schlimm, der Mix aus Electronica und live eingespielter Gitarre und Schlagzeug bot teilweise zwar schöne Ideen und Strukturen, verlor sich aber viel zu oft in Belanglosem. Ganz im Gegensatz zu dem schüchtern auf die Bühne tapsenden Will Wiesenfeld.
Viel hat er da nicht vor sich auf seinem Tischchen. MacBook, Akai MPD 32, Mikrofon und strombetriebene Teelichter. Fröhlich lachend begrüßt er das doch recht zahlreich erschienene Publikum: "I'm gonna play some music, if that’s okay?" – Na dann zeig mal, ob die Lobeshymnen gerechtfertigt waren…
Verdammt! Wo kommt dieser unglaublich drückende Beat her, der einem das Hirn komplett weichspült und den gesamten Körper zum Mitgehen auffordert? Und wieso hat der Mann da auf der Bühne plötzlich gefühlte 100 Finger, die er über Pads, Regler, Schalter und Knöpfe in einer irren Geschwindigkeit fliegen lässt, während er noch immer fröhlich lachend zwischen Laptop und Mikrofon hin und herspringt. Was bei diesen beinahe willkürlich wirkenden Bewegungen rauskommt ist allerdings grandios: es pocht, klappert, knackst, rumpelt, raschelt, scheppert und dröhnt – stets stimmig. Apologetic Shoulderblades springt einem voller Enthusiasmus um den Hals, dreht einen ein paar Mal im Kreis und fliegt davon, um Platz für den nächsten Wirbelwind Indoorsy, den ruhig fließenden Lovely Bloodflow und das verträumte Hall zu machen. Auch die Vocals werden, ausgenommen von ein paar Samples, mit überlagertem Effekt Live gesungen, schön.
Das zehnminütige Schranz-Experiment hätte meinetwegen dann nicht sein müssen. War aber auch egal, denn danach poltert der Maximalist mit voller Wucht durch den Raum und lässt alles andere vergessen. You're My Excuse To Travel wird allen Schwulen gewidmet und spätestens jetzt wird klar, was sich davor bereits an Gestik, Mimik und Ansprachen erahnen ließ: dieses Stück widmet er sich auch selbst.
Nach dem famosen Aminals als Zugabe ist Schluss – und so verlegen wie er zum falschen Ausgang hinaushüpft muss man ihm einfach glauben, dass er keine weiteren Songs mehr hat. Etwas zu kurz war‘s trotzdem.