Schnellnavigation: Bühnenrand
Bookmark

Foto: Michaela Bur am Orde
Art Brut im Schocken

Foto: Michaela Bur am Orde
Art Brut im Schocken

Foto: Michaela Bur am Orde
Art Brut im Schocken

Foto: Michaela Bur am Orde
Art Brut im Schocken

Foto: Michaela Bur am Orde
Art Brut im Schocken

Foto: Michaela Bur am Orde
Art Brut im Schocken

Foto: Michaela Bur am Orde
Art Brut im Schocken

Foto: Michaela Bur am Orde
Art Brut im Schocken

Foto: Michaela Bur am Orde
Art Brut im Schocken

Foto: Michaela Bur am Orde
Art Brut im Schocken

Foto: Michaela Bur am Orde
Art Brut im Schocken

Foto: Michaela Bur am Orde
Art Brut im Schocken

Foto: Michaela Bur am Orde
Art Brut im Schocken

Foto: Michaela Bur am Orde
Art Brut im Schocken

Foto: Michaela Bur am Orde
Art Brut im Schocken

Foto: Michaela Bur am Orde
Art Brut im Schocken

Foto: Michaela Bur am Orde
Art Brut im Schocken

Foto: Michaela Bur am Orde
Art Brut im Schocken

Foto: Michaela Bur am Orde
Art Brut im Schocken

Foto: Michaela Bur am Orde
Art Brut im Schocken

Art Brut im Schocken 12. September

von Markus Bur am Orde

Art Brut besiegten am 12.September im Schocken das Sommerloch. Endlich!

Und er kann es doch nicht. So lautstark es angekündigt wurde, so groß die Erwartungen dann auch waren. So kläglich sind sie am mangelnden Talent oder auch Willen wieder gestorben. Und das völlig zu Recht.

Nein, Eddie Argos kann nicht singen. Und das wollte, konnte und musste er auch niemals und kein Produzent der Welt, auch nicht der Pixies-Frontmann Frank Black, kann ihn dazu überreden auf die Bühne zu gehen und dies zu tun. Denn Art Brut ist Eddie Argos und Eddie Argos ist Art Brut. Auch wenn der tosende Finalapplaus der Band allein gehörte. Aber der Reihe nach:

Wir schreiben das Jahr 2011 und die Musikwelt ist eine Maschine. Wie in Metropolis knarzen die Räder der Musikindustrie. Kalte, ölbeschmierte Stahlgiganten spucken im Minutentakt gleich klingende Rhythmen über die Masse, die geblendet vom Gigantismus alles aufsaugt was ihnen hingeschmissen wird. Grau ist der Himmel durch den Beat-Smog geworden und durch die Wolken scheint keine Helligkeit zu kommen. Doch alles ist ineinander verzahnt und vernetzt und so schwer es ist sich hindurch zu kämpfen, so müsste man nur ein kleines Rädchen raus nehmen und die Maschinerie könnte still gelegt werden. Ein Aufatmen würde eintreten. Dem Vogelgezwitscher könnte man wieder lauschen, das Gras wachsen hören… es wäre zu schön. Doch ein zufälliger, kleiner Blick in das Monster verrät vieles (Platz 8: David Guetta feat. Sia, Platz9: Pitbull, Platz 10: Jennifer Lopez feat. Pitbull) Alles vernetzt, alles verkabelt. Doch sind wir verloren?

Die Revolte wurde einmal gestartet. 2001 waren die Strokes die Anführer der Garagen-Guerillas, doch sie hatten das Rädchen zu offensichtlich ausgetauscht. Das kalte Biest konnte zurückschlagen und nahm die Seven Nation Army die angetreten war es zu vernichten einfach in sich auf und schon funktionierte das System wieder. Die Kunst des Krieges ist es sich zu verstecken, nicht zu offensichtlich mit dem Vorhandenen brechen und in Untergrundaktionen weitere Wissende davon zu begeistern. Davon konnte man sich am 12.September im Schocken überzeugen:

Mit Formed a Band wurden die Zuschauer überrollt. Das erste Lied des ersten Albums ist zugleich das erste des Sets und war es immer und wird es immer bleiben. Ein besseres Statement zur Daseinsberechtigung gibt es nicht. Er hat einfach ein Band gegründet, der Eddie Argos, ohne auch nur einen Hauch von Musikalität zu besitzen oder Singen zu können. Doch genau deswegen war das Schocken auch wieder voll am Montagabend. Die Leute hatten genug von der Dauerbeschallung des Monsters, sie brauchten ihn und seinen wilden Haufen. Und die hatten sichtlich Spaß. Sie überrannten sich nicht selten selber auf der Bühne und vergaßen dabei aber keineswegs die Zuschauer. Oftmals fühlt man sich bei einem Konzert etwas unangenehm in den vordersten Reihen, als ob man im Zoo steht und dem Treiben auf der Bühne, trotz nur ein paar Metern, meilenweit entfernt sei. Dies muss noch nicht einmal böse Absicht der Band sein, doch als Entertainer wird man geboren. Eddie Argos ist sozusagen der Olli Schulz der Insel. Natürlich ist auch die Musik grandios, aber ein Art Brut Konzert ist Comedy. And yes this is my singing voice / it’s not irony / it’s not rock n roll / we’re just talking to the kids müsste er nicht im ersten Lied rausschreien, denn das haben alle auch ohne Worte verstanden. Und so geht er nicht selten auf Tuchfühlung mit den Zuschauenden, ja eigentlich sogar Mitwirkenden. Bei Modern Art dreht er seine Band runter und hält einen Monolog über Kunst und warum er bei selbiger oft durchdreht. Doch nicht etwa auf der Bühne, sondern er setzt sich mitten in den Zuschauerraum und alle machen es ihm gleich. Warum sitzen? Das weiß er nach 5 Minuten selbst nicht mehr so genau und so lässt er die Sitzenden selbst zu Modern Art ausflippen. Das danach die mitunter größte, unterschätzte Rocknummer kommt, passt auch wunderbar ins Bild. Die Foo Fighters würden mit ihren schicken Gitarren im Wembley Stadion eine gute Figur dazu abgeben; doch so steht eben Eddie Argos mit seiner Wampe im Schocken und kann noch nicht einmal singen. Und gerade deswegen ist Alcoholics unanimous mitunter der Höhepunkt; Art Brut spielen sich in einen Rausch, Eddie Argos schreit nur noch in sein Mikrofon, der Drummer verliert mindestens 10 Sticks bei nur diesem einen Lied und selbst die sonst so unscheinbare Bassistin traut sich aus ihrer dunklen Ecke. Doch danach fällt das Niveau keinesfalls ab. I never got over that amazing taste singt er, oder rappt oder wie man das auch immer nenne will, und meint nicht etwa das Bier vor ihm sondern eine heiße Schokolade am morgen. Punk Rock braucht eben nicht immer nur Themen wie Anti-Bush, scheiß Kommerz oder Tätowierungen. Es reicht eine heiße Schokolade, Lieder über die verflossene Liebe, über seinen kleinen Bruder, über einen Summerjob, Lieder über das Leben. Dabei sind sie näher an The Streets als an den Sex Pistols und das ist auch gut so.

Als 2005 ihre Platte in fast allen Musikzeitschriften zum Album des Monats gekrönt wurde, als der Rolling Stone Formed a Band zur Single des Jahres kürte, konnte man eine große Karriere erahnen. Doch sie hörten nicht auf kleine Lieder über das Alltägliche zu schreiben und bei vielen fielen sie wieder in Vergessenheit. Aber sie sind ständig da und selten braucht man sie so dringend wie heute. Nicht umsonst heißt ihre dritte Platte Art Brut vs. Satan. Irgendwann werden sie das Monster besiegt haben, aber bevor sie dann ins Stadion gehen, werden sie sicher zehnmal im gleichen, kleinen Club spielen. Oder wie es einmal eine Musikzeitschrift formulierte: Art Brut, die Welt braucht euch! Und dieser Aussage kann man sich nach diesem Abend wieder einmal anschließen.