Arrested Development waren mit ihrem neuen Album Strong in Tübingen und haben bewiesen: mit ihrer gelungenen Mischung aus Rap, Funk, Soul, Reggae und Blues schaffen sie es immer noch, die Meute zum Kochen und Shaken zu bringen, sogar die etwas älteren Semester unter uns und haben damit nebenbei auch noch einen Beitrag zur Generationenverständigung geleistet.
Nach dem Arrested Development Konzert stehe ich an der Bushaltestelle und formuliere in Gedanken schon, was ich über den heutigen Abend schreiben könnte, da vernehme ich eine kurze Unterhaltung zweier junger Konzertbesucherinnen: „Also die zwanzig Euro ham sich echt gelohnt die Leute waren aber auch alle übelst gut drauf ich hab noch nie so viele ältere Leute so tanzen sehen schon gar nicht zu solcher Musik…“ Schwester, du sprichst mir aus der Seele. Doch dazu später mehr.
Eingeläutet wird der musikalische Abend von der sechsköpfigen Tübinger Vorband Splice - the Funk Sensation, die mit ihrem Instrumental- Funk musikalisch betrachtet eigentlich eine gute Wahl als Anheizer für Arrested Development sind. Sympathisch in ihren Zwischenansagen, ihre Instrumente beherrschend und als Band gut aufeinander abgestimmt, erliegen sie dennoch dem selben Schicksal wie die meisten Vorbands von Main Acts mit Weltruhm: die Besucher trudeln erst nach und nach ein und die, die schon da sind, sind entweder draußen zum Rauchen und Schnacken oder stehen vor der Bühne, um sich das Ganze erst mal in Ruhe anzuschauen. Vereinzelt wird sogar mal mit dem Fuß gewippt. Schade für die Lokalmatadore.
Nach dem Bühnenumbau füllt sich langsam der Saal, und als die Show beginnt, drängt man kollektiv nach vorne.
Speech und seine Hip Hop-Truppe aus Atlanta, Georgia, gibt es seit Ende der Achtziger, inklusive einer mehrjährigen Trennungsphase, und nun sind sie mit ihrem neuesten Album Strong auf Welttournee, bei der in Tübingen der Auftakt zu ihrer Deutschlandtour ist. Die ersten performten Songs sind natürlich vom neuen Album, wie z. B. Haters, Let Your Voice Be Heard und The World Is Changing. Alles nett und eingängig mit Elementen aus Rap, Soul, Funk und Reggae. Wie gewohnt zelebrieren sie ihren Black Pride, ihre afrikanischen bzw. jamaikanischen Wurzeln und stellen in ihren Texten bewusst einen reflektierten, sozialkritischen Gegenpol zum Gangsta Rap dar. Doch erst als Tennessee und Mr Wendal, die All-Time-Gassenhauer ihres ersten Albums, angestimmt werden, ist der komplette Pulk am Durchdrehen, Tanzen und Mitsingen. Man erzählt sich zwar auf der Straße: Arrested Development sind live außergewöhnlich, sogar noch toller als wie auf Platte. Aber jetzt weiß ich auch, dass es stimmt. Die zwei Sängerinnen, die Speech flankieren, haben eine Energie, Ausdauer, Bühnenpräsenz und Stimmgewalt, unglaublich. Vor allem Montsho Eshe, die Dame im violetten Pareo, tanzt und turnt ekstatisch über die Bühne, als ob es kein Morgen gäbe. Sie spielen mit dem Publikum, reißen es mit, sodass gar keine Zeit zum Überlegen und Zögern bleibt, ob oder wie man denn nun tanzen soll- man tut es einfach. Und wie schon eingangs erwähnt: das Außergewöhnlichste sind tatsächlich die etwas älteren, teilweise schon weißhaarigen, Herrschaften, die an vorderster Front direkt vor den Boxen tanzen, während meiner einer sich zwischenzeitlich dann doch mal Oropax einsetzen muss. Als Zugabe gibt es noch meinen persönlichen Lieblingssong von ihnen, nämlich People Everyday.
Arrested Development haben bewiesen- sie können die Meute immer noch zum Schwitzen und Kochen bringen. Alles in allem war es auf jeden Fall ein spritziger, energetischer Abend, der unerwarteterweise mehrere Generationen zusammengebracht und einige Vorurteile entkräftet hat.