Rauf und runter segelt ihre Stimme, scheinbar mühelos touchiert sie Höhen und Tiefen. Sie variiert mit der Entfernung zum Mikrofon, flüstert, wird laut, muss dazu auf die Zehenspitzen. Nur böse, dass kann sie nicht.
Im Stuttgarter Universum wartet ein prall gefüllter Saal. The Sweetness sind davon sehr angetan und bringen nicht nur adrette Äußerlichkeiten auf die Bühne. Vielmehr sind es die Stimmgewalten, dass man den Ohren kaum traut. Und der Plural ist wörtlich, denn es ist weder Frontfrau noch –mann auszumachen. Ich bin ein bisschen stolz auf den Gedanken, die Damen könnten allesamt alleine loslegen. Später erläutert Chloe Charles, dass es auch Solo-Platten zu kaufen gibt. Auch wenn es stilistisch nicht immer einwandfrei zusammenpasst, bietet die Truppe einen schönen Auftakt.
Dann geht es mit Alin Coen und ihrer Band weiter. Schon früh spielen sie Wolken und sie spielen es in Studio-Perfektion. Der Song der mich zu dieser Musik brachte, bei dem jedes Aufsetzen der Lippen zu hören ist, bei dem sogar das Einatmen zum Stück dazugehört, unfehlbar.
Danach folgt etwas, dass nicht auf der Platte dabei ist. Gut so, denn das experimentierte, harmoniearme Keyboard-Gedöhns zerstört kurz meinen Wolken-Rausch, lässt mich fragen, warum das passiert. Es soll wohl der Angst entgegenwirken, alles würde zu leise, zu getragen und sacht geraten. Aber genau das passiert nicht, weil Alin mit ihrer Band voller Charme und Zutraulichkeit zwischen den wirklich gehaltvollen Stücken vermittelt, sodass nie das Gefühl von zu viel, von zu romantisch aufkommt.
Auf Festhalten haben viele gewartet, und in etwa genauso vielen Gesichtern verbreitet sich das Lächeln Alins, die damit den Mitgesang kommentiert. So läuft es auch bei Wer bist du?, dass mich den Abend lang noch verfolgt, auch wegen der großartig einprägsamen Melodie.
Viel weniger Anerkennung kann ich dem Lichtmensch entgegenbringen. Ganz abgesehen von den Bildern, die er verdirbt, weicht sogar die Band den Scheinwerfern aus und Alin tritt zeitweise nach hinten, um einen Blick auf ihr Publikum zu erhaschen. Bis schließlich der Bassist das Dimmen des Lichtes fordert, dass ihm unentwegt in den Nacken strahlt. Er bekommt sein Recht und ich muss die Hälfte des Konzerts mit orange-farbenem Gegenlicht ausharren.
Es folgt Fenêtre, ein Stück auf französisch, dass ich zwar nur in Teilen verstehe, mich aber im Ganzen fesselt. Sollten unsere Nachbarn das entdecken, wird Alin Coen damit ein Hit-Wonder in Frankreich landen, ich weiß es genau.
In der umfangreichen Setlist begeistert mich durchaus nicht alles so sehr wie das Beschriebene. Halo ist eines davon. Viele andere um mich herum schauen dabei aber genauso fasziniert nach vorne wie beim simplen und schönen Rejected, für das Alin sicher schon Vergleiche zu Alanis Morissette gewohnt ist.
Zwischendrin erzählt sie wie es zu ihr als Songwriterin kam. Sowas passiert also, wenn man nach Schweden auf einen Bauernhof fährt, um herauszufinden, was aus einem werden soll. Sollte ich morgen an die Wiedergeburt glauben, schreibe ich übermorgen einen Brief an den Schöpfer und fordere im Kapitel Berufswunsch dieses Stimmvermögen. Oder das Talent des Gitarrespielens. Oder der Bassbeherrschung. Ins Kleingedruckte schreibe ich: Zur Not Kabelträger. Hauptsache ich kann in solch einer Truppe mitfahren und Abend für Abend teilhaben. Alin Coen und ihre Kompagnons Jan Frisch, Philipp Martin und Fabian Stevens machen das schon etwas länger, lassen aber nicht ein einziges Mal auch nur einen Hauch von Routine und Ablaufspiel erkennen. Die drei sind um ein Vielfaches wichtiger, als es bisher beschrieben ist. Ich setze darauf, dass ich das schon bald nachholen kann, wenn Alin wiederkehrt, zum silent friday.
Genauso schön wie das Konzert als ganzes, wie die Stimmung und die Atmosphäre finde ich übrigens die Idee, das erste Album unter die Krone eines eigenen labels zu bringen. Noch schöner ist dessen Name: Pflanz einen Baum.
Viele der Konzerte aus der aktuellen Tour sind ausverkauft. Ich bin gespannt, was das für das zweite Album bedeuten wird. Ich kann nur hoffen, dass es eines geben wird.