Ein Musikschauspiel in zwei Akten:
Moderner Musikkonsum geht weit weg von der Langlebigkeit oder einem bestimmtem Genremonopol über Jahre hinweg. Wer in der sich schnell drehenden Netzwelt auf dem neusten Stand sein will, braucht gute Blogs mit hippen Tipps und schnell wird einmal das Album gehört und auch nicht minder langsamer bewertet, ob es sich dabei um die erwartete Sensation handelt oder eben doch nicht.
Ich schließe mich bei diesem neuen Wegwerfgedanken keinesfalls aus. Haben mich gestern noch BOY umarmt, wende ich mich heute auch schon Dillon zu, nur um morgen den nächsten Hit einer Schwedenband abzufeiern. Und in diesem Zusammenhang tauchen auf einmal ABBY auf.
Wir schreiben das Jahr 2009, als mich ein Freund auf einen heißen Musiktipp ins zwölfzehn einlädt. Zugegebenermaßen ist die Hauptband Luis und Laserpower genau so schlecht wie ihr Bandname, dennoch wippe ich freundlich mit. Vielmehr allerdings hat es mir die Vorband ABBY angetan von der ich zuvor noch nie gehört hatte und die mich stark an meine Spontanliebe (da haben wir sie wieder) Mute Math erinnert. Elektrisiert von diesem Abend bringe ich die nächsten Nächte damit zu, mich ihrer Musik hinzugeben und ich bin immer mehr davon überzeugt ein wahres Juwel in der deutschen Popmusik gefunden zu haben.
2 Jahre später habe ich sie selbstverständlich wieder vergessen. Nicht nur die Musik, selbst der Name ist mir fremd geworden. Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass ich nicht überraschend aufspring als bei Motor FM zum ersten Mal der Name ABBY mit dem Lied Evelyn in Zusammenhang gebracht wird. Einmal wieder von der Neuigkeit überwältigt erkläre ich es kurz zum besten Pop-Song des Sommers (http://www.kulturpegel.de/sammelstelle/neuigkeiten/310511-regionale-kost-ohne-ehec.html), höre ihre wunderbaren Lieder rauf und runter und erst als ich bei diesem einen Freund in der Küche steh und ganz lange auf das Tourplakat von Luis und Laserpower von vor zwei Jahren schaue, schließt sich der Kreis und mir wird bewusst, dass diese Band tatsächlich etwas besonderes sein muss.
Hochemotional dieser Vorbericht, dies war bei weitem nicht so beabsichtigt und eine gewisse Sachlichkeit gegenüber der Musik sollte natürlich immer gewährleistet sein, doch die fehlt hier und irgendwie auch zu Recht.
Wie soll man nach diesem Vorbericht sachlich argumentieren? Wie kann man eine Musikliebe, die einem schon seit zwei Jahren unauffällig mit leisen Schritten überall hin folgt, neutral gegenübertreten? Die Antwort ist einfach wie prägnant: es ist unmöglich. Und so leide ich am Anfang und bin am Ende stolz. Ein Konzert in zwei Akten. Hier die Geschichte dazu.
1. Akt: Nicht viele Leute haben sich am 8ten Dezember ins Speakeasy eingefunden, obwohl es in der Stadt nach Ausgehen riecht und die Kneipen bis in die letzte Ecke mit Beinen und Armen vollgestapelt sind. Der Eintrittspreis von 8 € sind für eine unbekannte Band wohl zu viel. Doch zwei Glühweine auf dem Weihnachtsmarkt weniger, gegebenenfalls auf den Räucherlachs und den Punsch verzichten oder einfach mal die Bienenwachskerze im Erzgebirgslädle stehen lassen. Schon hat man 8 € in der Hand und kann ins Speakeasy einmarschieren. Abby freuten sich dennoch über den in ihren Augen regen Zulauf und für ein Donnerstagabend Konzert war es ja auch nicht all zu schlecht besucht. Ebenfalls entstand nicht der obligatorische „es-sind-zu-wenig-Leute-in-den-vorderen-Reihen-Halbkreis“, was immer sehr angenehm ist und der Band eine Menge Überzeugungsarbeit abnimmt. Was auch gut ist, denn Abby sind alles andere, aber keine Rampensäue. Eher schüchterne, liebe Jungs die sich freuen wie ein Kind an Weihnachten wenn sie sehen, dass ihre Musik in den vorderen Reihen gut ankommt. Und dies tat sie eben nur bedingt am Anfang. Stolz wie Oskar stellt der Frontsänger seine neusten Lieder vor, die erst vor kurzem in London aufgenommen wurden. Doch den unbekannten Klängen fehlt es beim ersten Hördurchgang an Ecken und Kanten. Zwar setzt das, leider viel zu leise abgemischte, Cello immer wieder schöne Akzente und auch ist sonst absolut nichts an der Musik auszusetzten, doch es fehlt das berühmte Klicken im Kopf welches bei grandioser Popmusik entsteht. Diese fehlende musikalische Präsenz wird leider auch postwendendend mit lautem Gequatsche in den hinteren Reihen quittiert und auf der Bühne fehlt es noch an Erfahrung diese Beachtungslosen für sich zu gewinnen. Allerdings bin ich mir sicher, dass auf Platte ein ganz anderes Bild entsteht und diese Lieder ebenfalls ausnahmslos in die Gehörgänge hinein kriechen und nicht mehr hinaus wollen. Doch auf der großen Bühne funktionieren sie leider noch nicht. Und ist es auch nicht das grandiose Evelyn, dass uns in den zweiten Akt verhilft, sondern ein Lied, dass in den englischen Radios läuft.
2. Akt: Wie dieses Lied heißt wissen wir leider nicht, da es uns mit „wir spielen nun ein Lied, welches schon in den englischen Radios läuft und wir sind sehr stolz darauf“ vorgestellt wird. Wir wissen auch nicht in welchen Radios dieses Lied dort läuft und ob zwei Mal am Tag oder einmal im Jahr, doch seine Berechtigung hat es dort allemal. Auf einmal scheinen auch die Hemmungen der Protagonisten weg zu sein und am linken Bühnenrand werden abwechselnd eine Gitarre, ein Cello oder die Hände zum Klatschen in die Höhe gestreckt. Und spätestens als Again angestimmt wird, scheinen auch die hintersten Reihen begriffen zu haben, dass es an diesem Abend um Abby und nicht um Wulle geht. So schön und eingängig kann Popmusik sein und so leicht und locker rutschen die Stücke nun von den wild tänzelnden Musikern ins Publikum. Doch der Höhepunkt bildet, dass schon lautstark geforderte Welcome Home. Nicht genug, dass es sich hier um eine Melodie handelt, die für Millionen geschrieben wurde, dieses Lied brachte innerhalb von Minuten ein ausgelassene Tanzstimmung ins Speakeasy, die sich DJ’s einen halben Abend erspielen müssen. Plötzlich hört man Elektrobeats aus den Boxen hämmern, plötzlich gibt es zwei Schlagzeuger, plötzlich ist aus einem Popkonzert eine Tanzparty geworden und man fühlt sich schon in die Zukunft versetzt, wenn nämlich The whitest boy alive am 10. Mai in den Wagenhallen spielen. Man hätte ihnen bei dieser letzten Irrfahrt noch ewig zuhören können, doch leider verabschiedeten sie sich unter nun großem Applaus.
Abby haben uns an diesem Abend zwei Seiten gezeigt und mit mehr Spielpraxis und Erfahrung wird der zweite den ersten Akt immer weiter schlucken. Dieser Popjuwel schleift sich gerade durch Deutschland zu einem Diamanten und spätestens wenn ihr erstes Album im Frühjahr erscheint, werden sie auch in den deutschen Radios zu hören sein. Wahrscheinlich werden wir dann auch erfahren wie dieses Lied heißt, wenn es und als Dauerschleife um die Ohren geknallt wird.